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Michael Kluth zum Verhalten der Digitalen Gesellschaft

Kommentar Michael Kluth zum Verhalten der Digitalen Gesellschaft

Das Wochenende ist wieder recht stürmisch gewesen. Im Netz. Shitstorms sind eine digitale Erscheinung unserer Zeit. Im Zentrum haben an diesem Wochenende zum Beispiel der Hamburger Sport-Verein, der Schauspieler Til Schweiger und der Kabarettist Dieter Nuhr gestanden. Es hätte auch jeder andere sein können.

Der HSV hatte einer Erweiterung der Zentralen Erstaufnahme von Asylbewerbern in Hamburg auf seinem Parkplatz an der Schnackenburgallee widersprochen. Prompt wurde der Verein massiv beschimpft und als ausländerfeindlich angeprangert. Shitstorm!

Til Schweiger hatte sich dem Aufruf einer örtlichen Tageszeitung angeschlossen, der lautet: „So können Sie Flüchtlingen in Hamburg helfen.“ Prompt wurde er böse beschimpft und beleidigt und aufgefordert, sein Haus in Hamburg doch diesen Flüchtlingen zu überlassen, und wer ihm zustimmte, sah sich als „blödes manipuliertes Dummvolk“ verunglimpft. Shitstorm.

Dieter Nuhr hatte auf Facebook und via Twitter die griechische Regierung satirisch aufs Korn genommen: „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ Was der Kabarettist daraufhin erlebte, beschreibt er selbst als „massenhaften Bewurf mit verbalen Exkrementen“. Nach einem islamkritischen Beitrag wurde er in die Nähe von AfD und Pegida gerückt. Shitstorm eben.

Es gibt ihn von allen Seiten, den Shitstorm. Er kommt von links und von rechts, von Gleichgesinnten und Gegnern. Er braucht keine Kenntnisse, keine Bildung – im Gegenteil. Bildung behindert nur den freien Fluss der Vorurteile.

Zur Aufklärung: Der HSV wäre als Pächter des Parkplatzes an der Schnackenburgallee nur gern einbezogen worden in eine Erweiterung der Erstaufnahmeeinrichtung; dafür hat der Verein sogar von sich aus eine Alternative angeboten. Til Schweiger nimmt selbst an Hilfsaktionen für Menschen in Not teil. Dieter Nuhr knöpft sich immer wieder genau jene vor, mit denen er nun in einen Topf geworfen wird.

Nuhr rät Facebook-Nutzern, sich zu entspannen und vor jedem Kommentieren noch mal langsam bis zehn zu zählen. Einfach mal durchatmen oder erst mal das Thema googeln würde wohl auch helfen. Aber solche Vorschläge werden der Sache nicht gerecht. Sie ist ernster. Die Gesellschaft hat noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wie wir miteinander umgehen wollen im Netz, oder schlimmer noch: Sie hat sie gefunden, und sie lautet: genau so.

Dieter Nuhr sieht im Netz das Mittelalter heraufziehen. Digitale Hexenverbrennung. Pogromstimmung aus der vermeintlichen Anonymität an der Tastatur.

Tatsächlich beginnt man zu verstehen, aus welchen menschlichen Mechanismen heraus einst öffentlich Frauen auf Marktplätzen und Bücher auf Bürgersteigen verbrannt wurden, wenn man manche Kommentare im Internet und Posts auf Facebook wahrnimmt. Beleidigend. Bösartig. Hasserfüllt. Hemmungslos. Kenntnisarm. Kriminell. Wir dachten, die zivilisierte Gesellschaft wäre weiter. Abgründe tun sich auf.

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Ein Artikel von
Michael Kluth
Ressortleiter Sportredaktion

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