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Stefan Winter zu Volkswagen

Kommentar Stefan Winter zu Volkswagen

Vertrauen, davon ist man bei VW offiziell überzeugt, entscheidet in unserer Zeit über wirtschaftlichen Erfolg. Wenige Konzerne haben das so früh erkannt und so konsequent nach außen verkauft wie Volkswagen. Allerorten ist von Verantwortung die Rede, der Wolfsburger Konzern engagiert sich für Umwelt und Gesellschaft – will nicht nur groß, sondern auch gut sein.

Alles, was bei VW mit Zukunft zu tun hat, strahlt in der Reinheit von Weiß und Eisblau. Jetzt aber klebt überall Dieselruß. Und viele Sonntagsreden sind im Rückblick nur noch peinlich. Sie wurden in der Komfortzone nahezu grenzenlosen öffentlichen Vertrauens gehalten. Doch dass mehr nötig ist als schöne Worte, bewahrheitet sich jetzt, wo das mühsam und mit riesigem Aufwand gepflegte Ansehen in Trümmern liegt.

Der Börse war es egal, ob sich Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch stritten. Aber sie kam gestern sofort zu dem Schluss, dass dieser Konzern übers Wochenende ein Fünftel weniger wert geworden ist. Denn VW hat systematisch Abgastests ausgetrickst, um Werte zu zeigen, die in der Realität nicht erreichbar waren. Es geht also nicht um den üblichen Technikerstreit über Testnormen, es gibt in diesem Fall keinen Interpretationsspielraum: Es geht nach Überzeugung der US-Umweltbehörde schlicht um Betrug. Das sofort zuzugeben und zur Chefsache zu machen, ist vernünftiges Wolfsburger Krisenmanagement, macht aber nichts besser. Die Folgen reichen weit über eine mögliche Milliardenstrafe in den USA hinaus. Das Thema ist auch in Europa virulent und auch für andere Hersteller. Für VW gibt es keine einfache Reparatur dieses Totalschadens. Mit den Ermittlern zu kooperieren und selbst alles zur Aufklärung zu tun, ist jetzt der einfachste Teil des Geschäfts. Der Betrugsversuch aber ist da und nicht mehr aus der Welt zu schaffen – und mit ihm der Vertrauensverlust.

Vor allem aber wird man die Ergebnisse der Aufklärung aushalten und Konsequenzen ziehen müssen. Dass eine Handvoll US-Manager im Stillen Software für die Manipulation der Motorsteuerung schreiben und installieren ließ, ist so wahrscheinlich wie ein Meteoriteneinschlag in Wolfsburg. Schon technische Gründe sprechen dagegen, aber vor allem geht es hier um einen legendär zentralistisch und hierarchisch geführten Konzern. So sind – wie einst im Schwarze-Kassen-Skandal von Siemens oder der Betriebsratsaffäre bei VW – zwei Varianten denkbar: Entweder, der Vorstand war eingebunden, oder leitende Manager waren sicher, im Sinne des Vorstands zu handeln. Und an dessen Spitze steht – als bräuchte das Imagedesaster noch ein Ausrufezeichen – ein Mann, der Detailverliebtheit und Qualitätsversessenheit geradezu zelebriert. Hat er hier weggeschaut, oder hat er im Unternehmen ein Klima erzeugt, in dem man lieber Regeln bricht, als vor Wolfsburger Schreibtischen ein Problem beim Namen zu nennen? Das Aufsichtsratspräsidium will Winterkorns Vertrag bis 2018 verlängern. Doch bevor das geschieht, muss nun erst diese Affäre aufgeklärt sein.

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Ein Artikel von
Stefan Winter
Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion

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