18 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Ulrich Metschies zu Streiks in Deutschland

Kommentar Ulrich Metschies zu Streiks in Deutschland

Schon 500 000 Ausfalltage, und das Jahr ist noch nicht mal halb vorbei. Streikt sich diese Republik um Kopf und Kragen?

 Natürlich will das Institut der Deutschen Wirtschaft diesen Eindruck erwecken, weil es ja schließlich das Institut der deutschen Wirtschaft ist. Und die, das liegt in der Natur der Sache, findet Arbeitskämpfe gar nicht zeitgemäß.

 Doch Streiks sind zeitgemäß. Sie sind so zeitgemäß wie die Konflikte, die Arbeitgeber und Gewerkschaften miteinander austragen. Deren Relevanz lässt sich nicht wegdefinieren. Früher bliesen Gewerkschaften für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zum Ausstand, für die Fünftage-Woche („Samstags gehört Vati mir!“) oder für die Angleichung von Löhnen und Gehältern. Heute haben beide Seiten andere Konflikte auszutragen, kompliziertere meist, aber nicht weniger wichtigere.

 Man muss Streiks nicht mögen. Man darf beklagen, welche volkswirtschaftliche Kosten sie haben. Und wir alle dürfen auch genervt sein, wenn wir unter den Folgen von Arbeitskämpfen zu leiden haben: als Reisende, als Eltern, als Postkunde. Aber wir dürfen uns alle auch gerne dies bewusst machen: Wo stünde Deutschland heute, wären Streiks schon immer als „nicht zeitgemäß“ abqualifiziert worden, statt sie als zentralen Baustein der tarifpolitischen Machtarchitektur zu begreifen?

 Natürlich wäre es schön, wenn wir die teure und zermürbende Ritualisierung von Tarifauseinandersetzungen langsam mal zu den Akten legen könnten. Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften einfach vernünftig eine Lösung herbeiverhandeln, statt sich rhetorisch zu bekriegen. Doch so ein Wunschdenken wird sich im sturmerprobten System unserer Sozialpartnerschaft niemals erfüllen. Dieses System baut zwar auf das Verantwortungsbewusstsein beider Seiten. Doch es will und kann den Faktor Mensch und damit Irrationalität nicht ausklammern. Tarifautonomie ist eine soziale Errungenschaft – kein Problemlösungs-App.

 Auch wenn die Häufung 2015 auffällig ist: Damit Deutschlands Gewerkschaften im Ausland als streikwütig wahrgenommen werden, müssen sie in Sachen Arbeitskampflust noch eine Schippe drauflegen. Doch zum Glück hat das Gros unserer Gewerkschaftsführer die Balance zwischen Verbandsinteressen und Allgemeinwohl besser im Blick ihre Kollegen in Frankreich oder Italien. Solange das so bleibt, ist das deutsche Modell der Tarifpartnerschaft ein Standortvorteil und kein Wohlstandsrisiko.

 Die Parallelarbeitskämpfe bei Bahn, Post, Lufthansa und Kitas stellen die Geduld der Republik auf eine harte Probe. Doch nicht erst bei dieser Ballung, sondern bei jedem einzelnen Arbeitskampf müssen Gewerkschaften sich die Frage gefallen lassen, ob sie dem Verfassungsgebot der Verhältnismäßigkeit gerecht werden. Überspannen sie den Bogen, so wie es die Lokführer tun, schaden sie nicht nur sich selbst, sondern der Gewerkschaftsbewegung insgesamt.

 Ja, 2015 wird ein Super-Streikjahr. Doch es kommen auch wieder normale Zeiten. Kein Grund, Arbeitskämpfe zu verteufeln.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
Mehr zum Artikel
Verdi
Foto: Verdi-Chef Frank Bsirske ist bei vielen Streiks vor Ort.

Der Verdi-Chef ruft einen Streik nach dem anderen aus – und erforscht selbstbewusst die Grenzen des Möglichen

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus KN-Kommentare 2/3