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Katrin Pribyl zur Faszination der Royals

Kommentar Katrin Pribyl zur Faszination der Royals

Eine Regel lautet: „Versuchen Sie nicht, die Königin oder den Herzog von Edinburgh anzufassen.“ Dieser und weitere Hinweise sollen auf einem Leitfaden stehen, den jene Deutsche von der britischen Botschaft in Berlin erhalten haben, die diese Woche die Gartenparty zu Ehren der Queen besuchen dürfen.

Im Rahmen ihrer Deutschlandreise hat der Botschafter des Königreichs auf seinen Hauptstadt-Rasen geladen, und da dem gemeinen Deutschen die royale Etikette eher unbekannt sein dürfte, gab es eine Lehrstunde im Protokoll. Eine Verneigung vor Königin Elizabeth II. beispielsweise sei zwar nicht zwingend, aber gern gesehen ist sie.

Die Aufregung, der Rummel, die Euphorie in der Bundesrepublik wegen der Monarchin platzt vor Superlativen und regt zum Staunen an. Woher kommt diese Faszination an den Royals und damit einem hierzulande längst überwundenen System, das auf den genetischen Zufall setzt und auf Erblichkeit gründet? In Deutschland und Österreich wurde der Adel juristisch mit dem Ende der Monarchien 1918 abgeschafft. In Großbritannien durchläuft die Monarchie herrliche Zeiten, die Regentin ist so beliebt wie keine andere öffentliche Person. Traditionen werden auf der Insel mit Leidenschaft, Standesdünkel und Hutbegeisterung zelebriert, wie gerade erst das Pferderennen in Ascot veranschaulicht hat. Wenn sich das Staatsoberhaupt in seiner Kutsche, begleitet von mit Fellmützen dekorierten Soldaten und einer marschierenden Kapelle, durch Londons Straßen winkt, wähnt man sich in einem vormodernen Jahrhundert. Mit antiquierten Gepflogenheiten feiern die Briten ihre Geschichte. Einige trauern noch immer dem einstigen Empire nach, der Kolonialismus mit all seinen Schattenseiten wird gerne verdrängt. Irrational blicken nicht nur viele Briten auf dieses herrschaftliche Theater.

Eine perfekte Welt? Kaum.

Die Gesellschaft auf der Insel kämpft in ihrer Neigung zum Konservativen mit tiefsitzenden Klassenunterschieden, die überparteiliche Monarchin muss als Verbindungselement zwischen Oberschicht und Arbeiterklasse herhalten. Denn die Ausstrahlung, vor allem jene der 89-jährigen Chefin der Firma Windsor, ist wirkungsmächtig. Sie sitzt seit mehr als 63 Jahren unaufgeregt auf dem Thron und steht in den Augen ihrer Untertanen als Symbol für Tugenden wie Pflichtbewusstsein und Hingabe, Disziplin und Standhaftigkeit.

Als die Queen kürzlich zur Parlamentseröffnung auf dem Thron das Programm verlas, lachten Zyniker jedoch laut auf: Auf dem Haupt der Königin funkelte die Prachtkrone, der Samtumhang mit Hermelinfutter und Goldbesatz lag ausgebreitet vor ihr. Dann verkündete sie im Namen der Regierung, dass unter anderem die Sparpolitik weitergeführt und Sozialleistungen gedeckelt würden. Verblenden die Diamanten und das Protokoll unsere Urteilskraft? Mit Sicherheit. Aber die Faszination für die Royals passt offenbar in unsere Zeit, in der das Bedürfnis, mittels Hochglanzmagazinen in die Welt der funkelnden Träumereien zu flüchten, ungestillt ist. Nur hat die Realität mit Märchen meistens nichts gemein. Sie ist nicht zum Anfassen.

Von Katrin Pribyl

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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Beim Pferderennen in Ascot ist es eine Kutsche, beim Staatsbesuch in Deutschland werden die Queen und Prinz Philip in einem Bentley fahren. Foto: Will Oliver

Welchen Hut wird sie tragen? Und was wird sie mit der Kanzlerin besprechen? Gerade war Queen Elizabeth II. noch beim Pferderennen in Ascot, am Dienstag reist sie nach Deutschland.

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