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Konrad Bockemühl zur SHMF-Bilanz

Konrad Bockemühl zur SHMF-Bilanz

Joseph Haydn ist nicht von vornherein ein Komponist, der die Massen mobilisiert. Und András Schiff ist nicht ein Künstler, dessen Name allein ein Garant für volle Konzertsäle ist.

Kiel. Und dennoch war das SHMF mit diesem Schwerpunktkomponisten und diesem Porträtkünstler, mit eher leiser Kunst, wieder ein großer Erfolg. Weil Christian Kuhnt und sein Team es geschafft haben, wohldosiert Aufgeschlossenheit zu fordern und Neugier zu wecken. Für Haydn, für Schiff, für neue, originelle Facetten nicht nur „alter“ Musik. Neben großen Künstlern machten außergewöhnliche Konzertformate wie die „Big Seasons“ mit Klaus Maria Brandauer und Matthias Janz, Daniel Hopes „Familienstücke“ in Lübeck oder auch „Haydn bei Hofe“ als Wandelkonzert auf der Gottorfer Schlossinsel klassische Musik spannend und sprachen ein bis dato fernes Publikum an. In diesem Sinne sprießen in der Lübecker Intendanz stetig neue Ideen. Und stetig tauchen auch neue Namen auf. Wie in Büdelsdorf: Im 30. Jahr der Orchesterakademie gibt neben dem Granden Christoph Eschenbach eine mittlerweile ganz neue Dirigentengeneration dem internationalen Musikernachwuchs frische Impulse und beschert dem Publikum außergewöhnliche Hörerfahrungen.

 Dass zudem über den weitgefassten Begriff Luustern das Festival überwiegend anspruchsvollere Popularmusik einbindet, lässt in Kreisen aufhorchen, die noch gewonnen werden wollen für die großen Festivalsache. Nun wird es, auch mit Blick aufs Profil, nicht nötig sein, das SHMF immer weiter in diese Richtung zu öffnen. Man kann künftig den Fado aus Lissabons Baixa ruhig in kleine, intime Spielstätten transferieren und muss ihn nicht in eine Sparkassen-Arena befördern. Jenseits solch räumlicher Optimierungen könnte man sich im Sinne der Nachhaltigkeit womöglich noch ein kleines Beispiel am Nachbarland nehmen, das in der Startphase ja stark vom Vorbild aus Schleswig-Holstein profitierte. Dort finden rund um die Musik jenseits klassischer Konzerteinführungen auch neue Vermittlungsformen von „360o“ bis zum „Pavillon der Jahrhunderte“ großen Zuspruch: Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern bilden und binden Publikum von morgen in einem glücklichen Verhältnis zwischen Wissensvermittlung (wie András Schiff es in Flensburg gezeigt hat) und Musikerlebnis. Dort wie zunehmend auch wieder hier sind die heimische Musikszene genauso wie bislang unerhörte örtliche Bezüge eingebunden in die Festivalprogrammatik. Und nicht zuletzt geben hier (wie dort) die Nähe zum Publikum, die etwa durch ehrenamtliche Beiräte geförderten Künstlerbegegnungen, dem Ganzen sein besonderes Gepräge – von Beginn an ein Erfolgskonzept.

 Es wird immer wieder kleine Wegmarken geben, an denen man feilen kann – und will. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass der Kurs des SHMF grundsätzlich stimmt. Die guten Zahlen bestätigen die guten Inhalte. Das beflügelt auch ohne neue Rekorde.

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Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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