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Anne Gramm zur Flüchtlingskrise

Leitartikel Anne Gramm zur Flüchtlingskrise

Ein kurzer Blick ins Archiv reicht, um deutlich zu machen, wie sehr das ausgehende Jahr die Welt im Großen und im Kleinen verändert hat. Streit um die Rente ab 63; fehlende Mitarbeiter in den Rettungsdiensten; Regen, der den Schiffsverkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal blockiert – das waren Nachrichten, die uns Ende 2014 beschäftigt haben.

Dieses Mal überstrahlt ein Thema alle anderen, und klar ist: Die Flüchtlingskrise war nicht nur die Herausforderung des zu Ende gehenden Jahres, sie wird auch 2016 die aus allen anderen Aufgaben herausragende sein.

„Wir schaffen das, wenn...“ Wer in der heutigen Ausgabe nachliest, wie Menschen aus Schleswig-Holstein auf unsere Bitte hin diesen Satzanfang vervollständigt haben, spürt zunächst einmal die große Zuversicht, die sich durch die Antworten zieht. Und er kann sich zugleich, Satz für Satz, einen Begriff davon machen, wie viel Arbeit, wie viele unterschiedliche Arbeitsaufträge für das kommende Jahr auf der Agenda stehen. Denn die bloße Existenzsicherung, das Dach überm Kopf und die warme Mahlzeit für jeden einzelnen Flüchtling, sind ja nur der Anfang.

Als die Kieler zu Jahresbeginn für den Abend des 27. Januar zu einem Marsch für Frieden und Toleranz aufgerufen wurden, gaben sie eine Antwort, mit der die Veranstalter in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet hatten. Junge und Alte, Studenten und Familien, Deutsche und Ausländer – mehr als 11.000 Menschen versammelten sich vor dem Rathaus, um ein großes gemeinsames Nein gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Kiel zeigte Flagge – musste daraus allerdings auch zunächst einmal keine Konsequenzen ableiten.

Dass diese Groß-Demo aber weit mehr als ein Lippenbekenntnis war, beweisen seit dem Sommer die vielen Zehntausend Menschen, die – nicht nur in Kiel – beherzt und mit großer Selbstverständlichkeit zupacken, weil Politik, Verwaltung und hauptamtliche Helfer angesichts des Flüchtlingsstroms längst ihre Grenzen erreicht haben. Da ist sie auf einmal, die vielbeschworene Zivilgesellschaft. Wer immer in den Deutschen eine rein auf den Konsum getrimmte Nation gesehen hat, wird gerade eines Besseren belehrt.

Wir werden diese wohl auch uns selbst überraschende zivile Kraft noch brauchen, nicht nur in den letzten Tagen dieses Jahres, nicht nur im nächsten Jahr, sondern weit darüber hinaus. Und wir werden sie klug einsetzen müssen, damit sich die vielen Millionen, die schon vorher in diesem Land in Not und Armut gelebt haben, nicht zum zweiten Mal abgehängt fühlen.

Immerhin aber haben wir in diesem Jahr gelernt, dass viele Köpfe und Hände zusammen viel bewegen können. Und dass die Hilfe für andere auch das eigene Leben bereichert. Wenn wir diese Lektionen nicht vergessen, ist es doch eigentlich klar: Wir schaffen das.

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Ein Artikel von
Anne Gramm
stellv. Ressortleiterin Nachrichtenredaktion

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