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Bodo Stade zur Flucht über Kiel

Leitartikel Bodo Stade zur Flucht über Kiel

Es sind bizarre Bilder, die uns in diesem Sommer aus Calais erreicht haben. Tausende von Flüchtlingen harrten und harren immer noch vor der französischen Hafenstadt auf eine Chance, irgendwie nach Großbritannien zu gelangen. Seitdem die Kontrollen auf den Fähren nahezu unüberwindlich geworden sind, scheint der Eurotunnel ihre einzige Hoffnung zu sein.

Nacht für Nacht versuchen einige von ihnen, in verzweifelten Aktionen auf einen Lastwagen oder direkt auf den Zug zu springen. Mitten in Europa sterben dabei regelmäßig Menschen. So sieht das aus, wenn Länder ihre Grenzen dichtmachen.

Die Sorge, dass sich solche Szenen auch in Kiel, Travemünde und Puttgarden abspielen, schien unbegründet zu sein. Flüchtlinge, die weiter nach Skandinavien wollten, wählten in der Vergangenheit die Bahn. Die Chance, auf ein Fährschiff nach Schweden, Norwegen, Finnland oder Dänemark zu kommen, galt als zu gering. Die Kieler Terminals waren für Flüchtlinge eher keine Adresse.

Nun gilt auch das nicht mehr. Es sind Angst und die blanke Not, die Menschen aus ihren Heimatländern treiben. Auf der Suche nach einer Zukunft bahnen sie sich ihren Weg von selbst. Und wird der eine Weg durch eine unglaubliche Entscheidung unserer dänischen Nachbarn versperrt, wird ein neuer gefunden. Und der führt seit Donnerstag über den Schwedenkai, wo sich junge Männer, Väter, Mütter und kleine Kinder aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder dem Irak am Vormittag versammelten und auf ein Ticket hofften. In Kiel hat die europäische Flüchtlingskrise damit eine neue, ungeahnte Dimension erreicht. Die Flucht über die Ostsee wird neu erzählt. Und klar ist auch: Die ersten 180 Menschen, die da überglücklich an Bord gingen, werden nicht die letzten sein.

Kiel ist zum Glück nicht Calais; Skandinavien ist nicht Großbritannien. Die Menschen, die schreckliche Schicksale hinter sich haben, erleben hier wie auch in ganz Schleswig-Holstein eine bewundernswerte Hilfsbereitschaft, die bereits jetzt zu einer Bewegung geworden ist. Diese Kraft sorgt nicht nur für ganz konkrete Unterstützung, sondern schafft auch ein politisches Klima, in dem tolerante Entscheidungen auf allen Ebenen offenbar etwas leichter fallen. Dass die schleswig-holsteinische Polizei am Dienstag Flüchtlinge in Lübeck nicht stoppte, sondern ohne Papiere weiterfahren ließ, weil der Grundsatz der Gewaltlosigkeit an erster Stelle stand, war mutig, hat wahrscheinlich Schlimmeres verhindert und verdient Respekt. Auch in Kiel dankten Flüchtlinge den Polizeibeamten für vorbildliches Verhalten.

Bei allen Herausforderungen, die mit dem weiteren Zuzug von Flüchtlingen auf das Land noch zukommen: Die Art und Weise, wie die Bürger damit umgehen, macht Hoffnung und zeigt, wie stark diese Gesellschaft ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass inzwischen auch viele Dänen Position bezogen haben und sich von der offiziellen Politik beschämt distanzierten. Nicht ohne Wirkung: Seit Donnerstag ist die Grenze nach Dänemark wieder offen.

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Bodo Stade
Stellvertretender Chefredakteur

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Schwedenkai
Foto: Sie konnten auf eine Weiterreise nach Schweden hoffen: Rund 200 Flüchtlinge am Donnerstag am Terminal der Stena Line.

Die europäische Flüchtlingskrise hat am Donnerstag Kiel erreicht: Mehr als 200 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea kamen im Laufe des Tages an den Schwedenkai und versuchten, nach Skandinavien weiterzureisen. Am Abend fuhren schließlich 180 an Bord einer Stena-Fähre in Richtung Göteborg.

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