11 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Bodo Stade zur Nord-SPD

Leitartikel Bodo Stade zur Nord-SPD

„Wenn wir selbst fehlerfrei wären, würde es uns nicht so viel Vergnügen bereiten, sie an anderen festzustellen.“ Man mag es glauben oder nicht: Auf Facebook listet Ralf Stegner die weisen Worte des römischen Dichters Horaz als eines seiner Lieblingszitate auf.

Schade nur, dass der allgegenwärtige Genosse in diesen Tagen so wenig von seiner feinsinnigen Seite zu erkennen gibt. Der rote Kämpfer, der als Bundesvize bei der Verkündung jeder Wahlniederlage mit ernster Miene hinter Martin Schulz steht, beschränkt sich derzeit vor allem darauf, die Fehler bei anderen zu suchen. Und statt weiser Worte sind es Kaskaden aus Wut und Trotz, die er auf Facebook allen entgegenschleudert, die es wagen, seine Verantwortung anzumahnen.

 Dabei liegt die Frage nach seinem Teil der Schuld am schlechten Abschneiden der SPD auf der Hand. Seit zehn Jahren führt Ralf Stegner die Genossen im Norden als Landesvorsitzender. Fast ebenso lange ist er der Vorsitzende der Landtagsfraktion. Mehr Machtfülle, mehr Gestaltungsspielraum geht nicht. Wer es in dieser Zeit nicht schafft, die Partei so auszurichten, das ihr programmatisches Angebot die Menschen überzeugt, muss sich fragen lassen, was er falsch gemacht hat. Besser noch er würde sich das selbst einmal fragen.

 Dabei mangelt es Stegner weder an Fleiß und Durchsetzungskraft noch an Intelligenz. Tragisch ist eher, dass gerade seine intellektuelle und sprachliche Überlegenheit die Sache fast niemals besser macht. Stegner, der scheinbar auf alles eine Antwort und für alles eine Erklärung hat, ist der Beweis, dass intelligente Menschen nicht zwangsläufig klug handeln. Und so befindet er sich auch zehn Tage nach der Wahl noch immer im Wahlkampf-Tunnel. Die Vorstellung, dass der SPD nur die Opposition bleibt, will und kann er nicht akzeptieren. Stegner ist aber längst dort, wo es für ihn bedrohlich wird: In einer Lage, in der es selbst für ihn keine echten Handlungsalternativen mehr gibt. Das erklärt die Wucht, mit der er sich wehrt. Und die stolze Nord-SPD muss erkennen, dass sie in der Zwickmühle steckt. Mit Stegner kann es so nicht weitergehen. Aber ist die Partei bereit und in der Lage, es ohne ihn zu versuchen? In der Opposition wird sie sich neu erfinden müssen.

 Dass sich der langjährige Koalitionspartner in einer ebenfalls schwierigen Lage befindet, tröstet da wenig. Anders als die SPD haben die Grünen nämlich eine echte Machtoption, allerdings gepaart mit einem kleinen Problem. Die Verhandlungsführer müssen ihrer Basis klarmachen, dass es kein Verrat an der grünen Idee ist, wenn man mit CDU und FDP eine Koalition eingeht. Die Zwickmühle, in der sich die Öko-Partei befindet, hat Spitzenkandidatin Monika Heinold deshalb sehr klar und eher wie eine Warnung beschrieben: Nachdem Ampel und Große Koalition vom Tisch sind, bleiben eben nur noch Jamaika oder Neuwahlen. Was Heinold nicht sagte und auch nicht sagen musste: Letzteres sollten sich die Grünen gut überlegen. 12,9 Prozent holt man nicht alle Tage.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Bodo Stade
Stellvertretender Chefredakteur

Mehr zum Artikel
Streit in der SPD
Foto: „Ralf Stegner ist in weiten Teilen der Bevölkerung unbeliebt und unwählbar“, sagt Andreas Breitner.

Schleswig-Holsteins Ex-Innenminister Andreas Breitner (SPD) fordert wegen Strategiefehlern im Wahlkampf den Rücktritt des Landesvorsitzenden Ralf Stegner. Dies sagte er den Kieler Nachrichten am Mittwoch.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus KN-Kommentare 2/3