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Christian Hiersemenzel zur Wende bei der Energiewende

Leitartikel Christian Hiersemenzel zur Wende bei der Energiewende

Das Thema ist viel zu wichtig, um von Populisten im nächsten Wahlkampf zerredet zu werden. Genau das aber könnte mit Schleswig-Holsteins Energiewende im Allgemeinen und Windkraftausbau im Besonderen geschehen. Geht es um Windräder, ist das Land tief gespalten.

Und dabei wäre im Norden doch eine große Mehrheit erforderlich, um den Wechsel zu den Öko-Lieferanten Wind, Sonne und Biogas erfolgreich zu bewältigen. Nicht erst seit Fukushima und Angela Merkels überraschender Abkehr von der Kernkraft steht die politische Mitte erneuerbaren Energien aufgeschlossen gegenüber – allerdings nur solange, wie ihre eigene Lebenswelt nicht übermäßig betroffen ist. Das Windrad an sich ist nun einmal hässlich. Und der Infraschall und die Schlagschatten sollten nicht unterschätzt werden. Das weiß der Ministerpräsident.

Torsten Albig, ganz Landesvater, vielleicht auch kluger Taktiker, zieht jetzt die Bremse, streckt den Kritikern die Hand aus und dämpft damit die Gegenwehr. Man darf davon ausgehen, dass diese Strategie ganz im Sinne des grünen Pragmatikers Robert Habeck ist. Für den Umwelt- und Energiewendeminister steht so viel auf dem Spiel, dass er es sich nicht leisten kann, diese Partie zu verlieren. Würde er aber, wenn die Regierung ihr bisheriges Tempo beibehielte. Überall im Land formieren sich Bürgerinitiativen und machen Druck. An diesem Sonnabend zum Beispiel veranstaltet der Landesverband Gegenwind in Kiel sein 2. Windkraftsymposium. Dass die Landesplanung Effekte wie Elektroakustik so gar nicht berücksichtigt, können die Kritiker nicht akzeptieren. Übrigens nicht eingeladen: Minister Habeck.

Der Grünen-Star läuft sich gerade für seine Spitzenkandidatur der Bundespartei Anfang kommenden Jahres warm und muss möglichst elegant einen Spagat aushalten. Auf der einen Seite hat er Bürgern einen breiten Dialog und den Umweltverbänden größtmöglichen Schutz von Flora und Fauna versprochen. Auf der anderen Seite will er als Mann von Einfluss möglichst viele seiner energiepolitischen Ziele umsetzen. Damit könnte er bis tief ins Öko-Musterländle Baden-Württemberg hinein mächtig punkten. Schaut euch den Robert im hohen Norden an: Der weiß, wie man den mächtigen Stromlobbyisten ein Schnippchen schlägt und kluge Energiepolitik betreibt. Wer Bundesambitionen hegt, sollte klotzen.

Schleswig-Holstein brauche nicht „Streber-Streber“ zu sein? Man sollte sich von diesem schnoddrigen Bonmot nicht täuschen lassen: Natürlich ist Habeck ehrgeizig. Neben eigenen Zielen, die sich in der Politik nie ganz leugnen lassen, geht es ihm jedoch um nicht weniger als eine bessere Welt mit geringerem Co 2-Ausstoß. Würde das gedrosselte Tempo dazu beitragen, die Schleswig-Holsteiner zu einen, wäre das in aller Sinne. Vielleicht muss die Regierung dafür allerdings auch bei den Abständen kräftig nachbessern. Das schwant auch Albig und Habeck.

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Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Windkraft-Wende
Foto: Im Streit um den Ausbau der Windenergie kommt die Landesregierung den Kritikern entgegen.

Im Streit um den Ausbau der Windenergie kommt die Landesregierung den Kritikern entgegen. „Ich bin der festen Überzeugung: Wir können die Energiewende nur mit und nicht gegen die Menschen schaffen“, sagte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) am Freitag unserer Zeitung.

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