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Christian Longardt zu Angelique Kerbers Erfolg

Leitartikel Christian Longardt zu Angelique Kerbers Erfolg

Am Ende flossen doch die Tränen. Der Druck muss für Angelique Kerber enorm gewesen sein, bei aller mentalen Stärke, die sie sich auf so wundersame Weise angeeignet hat. Womöglich dachte sie im Moment des Triumphs in New York auch an jene harte Zeit, als sie den Schläger am liebsten für immer in die Ecke geschmissen hätte.

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KN-Chefredakteur Christian Longardt: "Kerber, die Kämpferin. Kerber, der Champion. Kerber, das Vorbild."

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Als nichts mehr ging, immer wieder in Runde eins Endstation war. Angelique Kerber aber hat nicht aufgegeben. Kerber, die Kämpferin. Sie hat sich durchgebissen, mit unbändiger Energie, mit Kraft, Emotion und Leidenschaft. So war es auch im Finale der US Open, als die Kontrahentin aus Tschechien im dritten Satz mit 3:1 in Führung lag. Viele deutsche Tennis-Fans mögen da schon resigniert haben, nicht so die Kielerin. Das war ganz großer Sport. Kerber, der Champion.

„Angie“ wird im Millionen-Zirkus Tennis auch deshalb geachtet und respektiert, weil sie anderen mit Achtung und Respekt begegnet. Weil sie keine große Welle macht, sondern trotz aller Erfolge bescheiden geblieben ist. Weil sie auch in wichtigen Spielen mit einem kurzen Klopfen auf den Schläger Beifall spendet, wenn der Gegnerin Besonderes gelingt. Das ist Sportsgeist. Kerber, das Vorbild.

Mut und Demut kommen bei ihr wohl auch deshalb zusammen, weil sie weiß, wie sich Misserfolg anfühlt. Wie es ist, wenn man am Boden liegt. Dort lag sie am Sonntag kurz nach Mitternacht wieder – überwältigt von der Freude, den Gipfel erklommen zu haben. Angelique Kerber steht jetzt auf einer Stufe mit Deutschlands legendären Tennis-Helden, mit Steffi Graf und Boris Becker, die beide erfahren haben, dass das Leben jenseits des Courts auch bittere Enttäuschungen bereithalten kann. Die Haft des Graf-Vaters, Beckers private Eskapaden – das war ergiebiger Stoff für Boulevardjournalisten. Über Kerbers Privatleben ist dagegen wenig bekannt. Jetzt werden die Paparazzi kommen. Wer weiß, was demnächst in den bunten Blättern steht? Mindestens das: Der kometenhafte Aufstieg, die ganz erstaunliche Wandlung im vergleichsweise hohen Tennisalter von 28 Jahren gleichen einem Märchen.

Angelique Kerber hat ihren Hauptwohnsitz inzwischen in Polen, verbringt ihre freie Zeit gern bei ihren Großeltern in Puszczykowo an der Warthe, trainiert in deren Tennis-Center „Angie“. Im Herzen ist sie Kielerin geblieben. Die „weltberühmteste Kielerin“, wie das ZDF am Sonntag voller Begeisterung formulierte. In Bremen geboren, an der Förde aufgewachsen, entschied sich Kerber früh, für den Deutschen Tennis-Bund anzutreten.

Melbourne, Wimbledon und Rio waren schon phänomenal, seit der magischen Nacht von New York gibt es aber keinen Zweifel mehr: Deutschlands Sport hat einen neuen Weltstar. In Kiels Goldenes Buch hat sich Kerber Anfang 2016 bereits eingetragen. Nun wäre es Zeit für einen Auftritt auf dem Rathaus-Balkon. Wo so oft schon der THW stand, würden wir gern Angelique Kerber feiern. Die beste Tennisspielerin der Welt.

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Christian Longardt
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