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Christian Longardt zum Rücktritt von Albig

Leitartikel Christian Longardt zum Rücktritt von Albig

Eine gute Woche hat es gedauert, bis Torsten Albig endlich erkannt hat, dass es für ihn nicht weitergeht.

Eine Woche, in der dem Politiker Albig die Unterstützung in den eigenen Reihen und bei den bisherigen Partnern mit jeder weiteren Stunde ein Stück mehr verloren ging; eine Woche, in der aber vor allem der Mensch Torsten Albig sehr gelitten haben muss. Die Häme, mit der die überregionalen Medien den Ministerpräsidenten kurz vor und direkt nach der verlorenen Landtagswahl wegen des „Bunte“-Interviews überzogen, war brutal und stand in keinem Verhältnis mehr zu den paar Sätzen, die ihm tatsächlich vorzuwerfen waren. Das Exklusivgespräch über seine Frauen war eine riesengroße Dummheit – der Verlust der Macht aber, die natürlich noch viele weitere, inhaltliche Gründe hatte, war Strafe genug. Noch nachzutreten, das war schäbig, das hatte Albig nicht verdient.

 Insofern ist es menschlich zu verstehen, wenn der so tief Gestürzte von „bösartigen Angriffen“ auf seine Person spricht, mangelnde Solidarität der Partei beklagt und sich ein letztes Mal gegen „substanzlose“ Attacken auch auf seine Partnerin zur Wehr setzt. Wie tief der Regierungschef getroffen ist, zeigt die stille Form seines verspäteten Rückzugs: nur eine schriftliche Erklärung und eine Mail an die Genossen, keine Pressekonferenz, keine Mikrofone, kein Blitzlichtgewitter. Für den großen Schlussakkord fehlte Albig offenbar die Kraft. Vielleicht aber hat er dem ihm verhassten Teil der Presse diesen Moment auch einfach nicht mehr gegönnt.

 In allen politischen Lagern zollte man am Dienstag einem Ministerpräsidenten Respekt, dem es gelungen ist, Schleswig-Holstein mit nur einer Stimme Mehrheit fünf Jahre lang weitgehend geräuschlos zu regieren. Und dabei alle Partner des weitgehend sinnfrei „Küstenkoalition“ getauften Bündnisses (als ob das nächste Kabinett in den Bergen tagt) über die volle Legislatur bei Laune und bei der Stange zu halten. So waren die lobenden Abschiedsworte von Grünen und SSW mehr als die üblichen Höflichkeitsfloskeln – in Sachen Teamgeist und Loyalität hat der abgewählte Dreier-Pakt Maßstäbe gesetzt.

 Dass Albig ein paar Tage mehr als Hannelore Kraft gebraucht hat, um zu realisieren, was das Wahlergebnis für seine SPD und ihn persönlich bedeutet, war nicht wirklich überraschend. Es passt zu einem Politiker, der oft seine ganz eigene Wahrnehmung hatte und nicht verstand, wenn andere diese Sicht nicht teilten. Das betraf auch die Beziehung zu Bärbel Boy, die eben nicht irgendeine neue Freundin war, sondern eine bekannte PR-Frau mit guten Geschäftsbeziehungen zu Landeshauptstadt und Landesregierung. Dies klar zu benennen und auf eine saubere Grenzziehung zwischen öffentlichen und privaten Interessen zu achten, ist Aufgabe von Journalisten – war in den Augen von Albig aber Majestätsbeleidigung. Wenn der Ministerpräsident den Verzicht auch auf das Landtagsmandat nun mit „Verleumdungen“ und „ehrverletzenden Unterstellungen“ begründet, die die geschäftliche Existenz seiner Freundin bedrohten, dann belegt dies einerseits, dass Albig wenig dazugelernt hat. Andererseits hat er damit nun selbst den klaren Trennstrich gezogen.

 Im Ernst: Wer hätte sich Albig schon als Hinterbänkler im Landtag vorstellen können? Er selbst konnte das offenbar auch nicht. Sorgen muss man sich um ihn ohnehin nicht machen: Neue berufliche Optionen hat ein Mann mit seiner Vita und seinen Fähigkeiten genug. Die Rückzugserklärung enthielt auch einen Hinweis darauf, dass Albig sich nicht allein für die Wahlpleite verantwortlich sieht. Da hat er wohl recht. Man darf gespannt sein, wer Ralf Stegner hilft, die Karre aus dem Dreck zu ziehen.

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