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Christian Longardt zum Suizid al-Bakrs

Leitartikel Christian Longardt zum Suizid al-Bakrs

Das kann doch nicht wahr sein – so ähnlich reagierte wohl jeder, der am Donnerstagmorgen die Nachricht vom Suizid des Dschaber al-Bakr hörte. Einfach unglaublich: Kaum sitzt der meistgesuchte Mann des Landes hinter Gittern, gelingt es dem Syrer, sich selbst zu töten.

Kiel. Der wichtigste Gefangene der Republik wird in der JVA Leipzig behandelt, als wäre es Häftling 08/15. Ein mutmaßlicher Selbstmordattentäter, dem eine Psychologin attestiert, ein Selbstmord sei doch eher unwahrscheinlich, das ist schon verrückt.

Dass die Gefängnisleitung diese Einschätzung nicht infrage stellt und der sächsische Justizminister bei der Pressekonferenz nach dem Desaster bekundet, auf das Fachurteil habe man sich „natürlich“ verlassen, lässt einen staunend zurück. Denn auch das Manipulieren an der Steckdose und das Zerstören der Zellenlampe waren für die Verantwortlichen kein Grund, den Top-Häftling engmaschiger zu überwachen. Dass ein eifriger Justiz-Azubi den Toten entdecken musste, ist die letzte bittere Pointe.

Dies alles erweckt den Eindruck, als habe man in Leipzig überhaupt nicht begriffen, welchen Kunden man da vor sich hatte. Die Verantwortung aber allein in Sachsen abzuladen, wäre zu billig. Denn längst waren ja auch die Bundesbehörden eingeschaltet, der Generalbundesanwalt hatte die Ermittlungen gegen den „Staatsfeind Nummer eins“ übernommen – warum wurde der als hoch gefährlich eingestufte Terrorist nicht zügig verhört, nicht schleunigst in einem Hochsicherheitsgefängnis untergebracht?

Nimmt man die Pannen bei der Fahndung nach al-Bakr hinzu, können einem durchaus Zweifel an der Leistungsfähigkeit unserer Sicherheitsorgane kommen. Die Vorgänge der vergangenen Tage haben das Vertrauen der Bürger in den Staat allemal erschüttert. Mit dem Suizid ist zudem jede Hoffnung zerstört, über al-Bakr an Informationen über die Hintermänner zu gelangen. Zu erfahren, was es mit seiner Türkei-Reise auf sich hatte. Ob es Komplizen gab, vielleicht weitere Bombenbauer im Umfeld des Syrers. Hinzu kommt die internationale Blamage: Vor den Augen der Welt hat Deutschland gezeigt, was es nicht kann.

Manchem politischen Akteur im Norden gingen allerdings gestern die Gäule durch. So gab etwa SPD-Landeschef Ralf Stegner per Twitter zum Besten, die jahrelange CDU-Dominanz in Sachsen habe zu „rechtsstaatlichem Sumpf“ geführt. Als ob in unserer Justiz alles so rosig wäre. Auch in Schleswig-Holsteins Gefängnissen bringen sich Häftlinge um, trotz der Fürsorge der rot-grün-blauen Regierungskoalition. Ob die gerade beschlossenen Vollzugserleichterungen – tagsüber offene Zellen, Privatkleidung und mehr Besuche – die Sicherheitslage nachhaltig verbessern, muss sich erst noch zeigen. Und schließlich ist noch frisch in Erinnerung, wie unglücklich das Land nach der Geiselnahme in der JVA Lübeck agierte. Justizpolitische Ratschläge in Richtung Sachsen sollte man sich in Kiel also besser verkneifen.

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Leipzig
In der JVA Leipzig hat sich der terrorverdächtige al-Bakr erhängt.

Der terrorverdächtige Syrer Dschaber al-Bakr ist offenbar nach seiner Überstellung an die Justizvollzugsanstalt Leipzig nicht mehr von den Strafverfolgungsbehörden vernommen worden.

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