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Christian Longardt zum Terror in Paris

Leitartikel Christian Longardt zum Terror in Paris

„Schönen Sonntag noch“, wünschte der Bäcker gestern beim Brötchenholen, und das war sicher nett gemeint. Doch dieser trübe Volkstrauertag konnte nicht schön werden, schon für uns hier oben in Schleswig-Holstein nicht. Wie muss es erst den Menschen in Frankreich in diesen bitteren Stunden gehen?

Der Albtraum von „Charlie Hebdo“, kaum verarbeitet, ist erst zehn Monate her, und nun das: Der Terror ist zurück in Paris, noch viel schlimmer, noch viel grausamer. Krieg – man sollte mit diesem Wort vorsichtig sein. Aber das ist tatsächlich Krieg, ein Krieg gegen uns Europäer, gegen den Westen schlechthin, gegen unsere Art, in Freiheit zu leben. Dieser Freitag, der 13., das ist nicht weniger als Europas 9/11.

„Die Hauptstadt von Laster und Unzucht“ habe man angegriffen, jubeln die Terroristen. Ja, sie haben uns alle mit ihren barbarischen Taten tief erschüttert. Haben zum zweiten Mal in diesem Jahr das Herz Europas verwundet, die Wiege der Demokratie, das Land, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu Hause sind. Sie haben auf furchtbare Weise mehr als 100 Leben ausgelöscht, Menschen in tiefes Leid gestürzt, die Welt in Angst versetzt. Haben uns alle angegriffen in blindem Hass, Christen wie Muslime, Juden wie Atheisten. Wie solidarisch die Völker rund um den Erdball spontan reagiert haben, sollte Trost und Gewissheit geben: Der Terror wird nicht siegen, der „Islamische Staat“ wird nicht triumphieren – wenn wir denn zusammenstehen: Nous sommes unis!

Wohl fast jede und jeder Deutsche verbindet mit Paris wunderbare Erinnerungen an unbeschwerte Tage voller Lust aufs Leben. Das macht das Entsetzen so groß, die Betroffenheit so riesig, das Mitleid so spürbar. Das ist die private, die persönliche Ebene. Politisch ist das Massaker von Paris so brandgefährlich, weil es Europa in einer ohnehin aufs Äußerste gespannten Lage trifft. Nie war die EU so zerstritten wie in der aktuellen Flüchtlingskrise, der Wahnsinn der IS-Terroristen droht diesen Riss nun noch zu vergrößern. Schon schlägt auch bei uns wieder die Stunde der Vereinfacher: die den Islam erneut unter Generalverdacht stellen, die hinter jedem Flüchtlingsgesicht den getarnten Terroristen wittern. Polen kündigt an, keinen einzigen Flüchtling mehr ins Land zu lassen. Da geht die Saat des Terrors schon auf.

Angela Merkel hat in einer Ausnahmesituation die Grenzen geöffnet, sie bleibt dabei, dass Deutschland sein freundliches Gesicht behalten müsse, sie will da nicht wackeln. Mit Paris aber wird der Druck auf die Kanzlerin noch größer. Tatsächlich ist der Bundesregierung vorzuhalten, dass sie es bis heute noch immer nicht geschafft hat, die Einwanderung in wirklich geordnete Bahnen zu lenken. Dass da auch Terroristen leicht einsickern konnten, ist nicht zu leugnen. Dies schürt Ängste. Die Koalition tut gut daran, die Registrierung aller Einreisenden zügig voranzutreiben. Doch selbst wenn sich Europa komplett einzäunte: Glaubt im Ernst jemand, zu allem bereite IS-Terroristen würden nicht Wege finden, das Land ihrer Wahl zu erreichen?

Katholische wie evangelische Kirche in Deutschland haben zu Recht darauf hingewiesen, dass viele der Menschen, die bei uns Schutz suchen, ja gerade vor den mörderischen IS-Milizen geflüchtet sind. Die Asylbewerber nun unter Generalverdacht zu stellen, hieße, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Flüchtlingen ohne Vorurteil zu begegnen, bleibt ein Gebot der Nächstenliebe, für Christen wie Nicht-Christen. Die friedliebenden Muslime in unserem Land einzubinden, den Schulterschluss zu suchen, wird helfen, das Virus des Fremdenhasses abzuwehren. So kann das Chaos von Paris im besten Fall das Bewusstsein für die Werte schärfen, die uns wichtig sind. Für das Fundament, auf dem nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auf dem die Europäische Union als Ganzes gebaut sein sollte.

Dringend nötig ist im Übrigen mehr Respekt für unsere Sicherheitsorgane, für Polizei und Bundeswehr, auch für Geheimdienst und Verfassungsschutz, ohne die wirksame Terrorabwehr nicht funktionieren kann.

Dass der Kampf gegen den IS nur gemeinsam gewonnen werden kann, heißt aber auch: Europa, die Nato, die USA müssen mit Russland kooperieren, so schwer das auch fallen mag. Obama und Putin im Zwiegespräch beim G20-Gipfel – das war ein guter Anfang.

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Christian Longardt
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Foto: Stilles Gedenken für die Opfer der Terroranschläge in Paris.

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