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Christian Longardt zum Tod Hans-Dietrich Genschers

Leitartikel Christian Longardt zum Tod Hans-Dietrich Genschers

Wenn allein der Respekt der Menschen das Maß wäre, das über die Größe eines Politikers entscheidet, dann hat diese Republik einen ihrer Größten verloren. Jenseits aller Parteigrenzen haben die Deutschen diesen Hans-Dietrich Genscher geachtet, gemocht, mehr noch: verehrt.

Er war ein Staatsmann von Weltruhm, eine der prägendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Seine politische Lebensleistung ist fraglos historisch.

Niemand weiß, welchen Lauf die Geschichte Deutschlands genommen hätte, wenn nicht Genscher mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten in den entscheidenden Jahren die Weichen gestellt hätte. Er stand wie sonst nur noch Willy Brandt für eine Politik der Annäherung und Aussöhnung in gefährlich aufgeladenen Zeiten, mit unendlicher Geduld arbeitete der Freidemokrat daran, die Konfrontation zwischen Ost und West aufzubrechen. Seine diplomatische Kunst öffnete Deutschland die Tür zur Wiedervereinigung.

Das kumulierte in diesem einen Gänsehaut-Moment, jenem unvollendeten Satz auf dem Balkon der Prager Botschaft, aus dem sich die enorme Popularität Genschers bis zum heutigen Tage speist. Genscher, die Stimme der Freiheit. Genscher, der Architekt der Einheit. Genscher, der Macher. Genscher, der ewige Außenminister. Genscher, die Marke – das allerdings war er in jeder Hinsicht: Sein Charakterkopf war eine stetige Freude für die Karikaturisten, sein gelber Pullunder entzog sich jedem Zeitgeist, sein unglaubliches Reisepensum ließ immer neue Polit-Witze erblühen. So humorvoll Genscher all dies nahm, so ernst war ihm sein zentrales politisches Anliegen. Kaum ein Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte trat so erfolgreich für Frieden, Freiheit und den Prozess der europäischen Einigung ein. Für jenes Europa, das aktuell in so dramatischer Weise gefährdet ist. Die Frage ist hypothetisch: Könnte ein Hans-Dietrich Genscher mit seiner Fähigkeit, auf Andersdenkende zuzugehen, die Fronten auch anno 2016 aufweichen? Wohl kaum, denn Frank-Walter Steinmeier trägt als Außenminister nun wahrlich keine Schuld an der verfahrenen Lage der EU.

Bei aller Verehrung für Genscher darf erwähnt werden, dass er Politik machte, als die Akten noch im Hängeordner ins Büro getragen wurden, als Redetexte mit Tippex korrigiert wurden und eine Depesche noch ordentlich knisterte. Die Beschleunigung der Welt, die Globalisierung und Digitalisierung haben einen neuen Typus Politiker hervorgebracht, hervorbringen müssen. Vom Altmeister des Liberalismus aber können sich die FDP-Spitzen der Neuzeit, Nordlichter ausdrücklich eingeschlossen, trotzdem noch eine Menge abgucken. Lernen könnten sie etwa, dass man für die freie Entfaltung der Persönlichkeit auch eintreten kann, ohne sich als gefühlskalter Neoliberaler aufzuführen. Und nicht zuletzt dieses: Mit Vehemenz für liberale Ideen streiten, das geht auch leise, weniger schrill, weniger provokant.

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Christian Longardt
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