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Christian Longardt zur Debatte um Flüchtlinge

Leitartikel Christian Longardt zur Debatte um Flüchtlinge

Die Debatte um Flüchtlinge braucht Anstand und Respekt, fordert Chefredakteur Christian Longardt in seinem Leitartikel.

Kiel. Vor gut sechs Wochen beschrieb eine Leserin aus Kiel, wie nah ihr das Flüchtlingsthema gehe. Sie sorge sich sehr, ob unser Land all das wirklich bewältigen könne, ob so viele Asylbewerber mit muslimisch geprägtem Frauenbild uns wirklich guttun werden. Doch wenn Sie solche Fragen im Bekanntenkreis oder auf privaten Feiern anspreche, stoße sie auf einen derart aggressiven Widerstand, dass sie sich kein Wort mehr zu sagen traue. Überall nur Gutmenschen. Sie fühle sich wie in einer Meinungsdiktatur, klagte die Frau bitter. So etwas habe sie in Deutschland nicht für möglich gehalten.

 Am vergangenen Wochenende schilderte eine Freundin betroffen, was ihr im Vierer-Büro passiert sei. Eine Nachricht im Radio habe ausgereicht, um Kollegin A aus der Reserve zu locken: Flüchtlinge, die in ihren Unterkünften randalierten, sollte man sofort ausweisen! Richtig, stimmte B eifrig ein, sie habe von einem Bekannten gehört, „die Asylanten“ würden in Supermärkten klauen und „in den Lagern Frauen missbrauchen“. Kollegin C fügte hinzu, man könne sich als Deutsche ja gar nicht mehr auf die Straße wagen, bei „diesen ganzen jungen Syrern“. Ihr Versuch, für die Flüchtlinge Partei zu ergreifen, sei derart aggressiv abgebügelt worden, dass sie lieber geschwiegen habe, erzählte die Freundin. Das mache ihr Angst. Künftig werde sie das heikle Thema bei der Arbeit und sogar unter Freunden lieber gar nicht mehr anschneiden. Es könnte ja wieder losgehen.

 Momentaufnahmen aus dem Herbst 2015, Momentaufnahmen aus einem Land, durch das sich ein Riss zieht, der immer breiter zu werden droht. Das Flüchtlingsthema ist dabei, unsere Gesellschaft zu spalten. Schon jetzt vergiftet es private Diskussionen, belastet Freundschaften, entzweit Kollegen.

 Beide Frauen, die Leserin und die Freundin, sprachen von Aggression, beide fühlten sich ihrer Meinungsfreiheit beraubt. Und letztlich stellen beide dieselbe Frage: Warum ist es so schwer, sachlich, mit Anstand und Respekt über Flüchtlinge zu diskutieren?

 Tatsächlich kann man bisweilen den Eindruck gewinnen, als gäbe es nur richtig und falsch, gut und böse, das helle und das dunkle Deutschland, Gutmenschen und Neonazis, schwarz und weiß. Dabei ist gerade die Asylfrage so komplex, so vielschichtig, so facettenreich. Die Grautöne sind wichtig, wir müssen sie zulassen. Sonst wird jenen Kräften der Boden bereitet, die das aufgeklärte Deutschland zum Glück lange überwunden hat.

 Refugees welcome – jedem Migranten offen und unvoreingenommen zu begegnen, das in Merkels Sinne freundliche Gesicht zu zeigen, diese Haltung kann man kritisieren, natürlich kann man das. Im Recht zu sein, wer kann das schon behaupten? Die rote Linie aber überschreitet, wer diffamiert, verunglimpft, hetzt.

 Merkel hat eine mutige, riskante, wahrscheinlich historische Entscheidung getroffen, die zumindest Respekt verdient. Ob sie richtig oder falsch war, wird die Geschichte zeigen.

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