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Christian Longardt zur Landtagswahl

Leitartikel Christian Longardt zur Landtagswahl

Einmal ist immer das erste Mal. Noch nie habe er eine Wahl verloren, gab sich Torsten Albig kurz vor dem Wahlsonntag gewohnt selbstbewusst, und er sei sicher, dass es auch diesmal reichen werde. Hat es nicht, überhaupt nicht.

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KN-Chefredakteur Christian Longardt kommentiert das Ergebnis der Landtagswahl 2017.

Quelle: Ulf Dahl

Die Niederlage der SPD ist dramatisch, Albig trägt dafür die Hauptverantwortung. Man darf davon ausgehen, dass dieses Fiasko das Ende seiner politischen Karriere eingeläutet hat. Albig als Oppositionsführer? Solange Ralf Stegner lebt, ist das unvorstellbar. Zudem ist Albigs Verankerung in der Partei seit jeher schwach.

Die sogenannte Küstenkoalition wurde so klar abgewählt, dass die Sozialdemokratie keinen Führungsanspruch mehr für sich reklamieren kann. Es ehrt die SPD-Spitze, dass sie dem Sieger umgehend gratulierte, das hatte Stil. Albig vermied es aber, den Verzicht auf das Amt zu erklären. Dabei ist der Wählerauftrag eindeutig: Daniel Günther soll der nächste Ministerpräsident werden. Eine Ampel unter Führung der SPD mag rechnerisch möglich sein, politisch ist sie das nicht.

Günthers Sieg kommt nach den Umfragen nicht mehr überraschend, der Vorsprung vor der SPD aber ist sensationell. Der Eckernförder hat es als erster CDU-Kandidat während der Kanzlerschaft Angela Merkels geschafft, aus der Opposition heraus eine Landtagswahl zu gewinnen – auch dies ein besonderer Erfolg.

Günther ist ein frischer, ein uneitler Typ, dessen Gesicht den meisten im Land noch vor wenigen Wochen unbekannt war. Mit dem TV-Duell hat sich das geändert. Der 43-Jährige spielte rhetorisches Talent und Parlamentserfahrung aus, präsentierte sich angriffslustig und gut sortiert. Spätestens da haben die Wähler registriert: Es gibt nicht nur eine inhaltliche Alternative, es gibt auch eine personelle Alternative zu einem Ministerpräsidenten, der es fünf Jahre lang vorzog, im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Der präsidiale Regierungsstil hat sich gerächt. Sich erst im Wahlkampf der Debatte zu stellen, war fatal. Peter Harry Carstensen liegt richtig, wenn er feststellt, dass Albig sich zu oft gedrückt und Stegner vorgeschickt hat. Der Bürger hat das gemerkt – und abgestraft.

Blumiges Versprechen

Der Bau neuer Windräder gegen den Willen vieler Anwohner, eine Flüchtlings- und Abschiebepolitik, die vor lauter Humanität die realen Probleme ausblendet, die Wohnungseinbrüche, das Turbo-Abitur – Günther hat die richtigen Themen angesprochen. Anpacken statt rumschnacken, das zielte direkt auf Albigs pastorale Redekunst. Die SPD versuchte, mit dem blumigen Versprechen von mehr Gerechtigkeit zu punkten. Die beitragsfreie Kita als konkretes Zukunftsprojekt zog aber auch deshalb nicht, weil sich viele Familien fragten, warum denn ausgerechnet unter dieser Regierung die Kosten für einen Kita-Platz so stark gestiegen sind.

Und bei aller Liebe: Das „Bunte“-Gespräch über die Ex-Frau und die Neue war ein übler Fehler – wer auch immer dazu geraten hat, müsste im Nachhinein noch vors Parteigericht. Das Interview haben Albig auch viele Genossinnen übelgenommen. Da fiel kaum noch ins Gewicht, dass am Wochenende auch der „Spiegel“ das Thema entdeckte und Albig einen „selbstgefälligen Macho“ nannte.

So deutlich das Wahlergebnis, so unklar die Koalitionsfrage. Grüne und FDP werden selbstbewusst mitverhandeln, dürfen sich beide doch zu den Gewinnern zählen. Bei Windenergie und Straßenbau liegen Grüne und Union über Kreuz, hier wird eine Einigung schwierig. So sehr sich viele Grüne aber gegen einen Pakt mit der CDU auch sträuben, am Ende dürfte die Aussicht auf eine Fortsetzung der Regierungsarbeit mit Robert Habeck und Monika Heinold bei der Basis den Ausschlag geben.

Bei aller Freude im CDU-Lager gehört zur Wahrheit auch, dass die Partei hinter Günther ziemlich wenig zu bieten hat. Jetzt gilt es, starke Ministerinnen und Minister zu finden. Ähnliches trifft für die FDP hinter Kubicki zu. Insofern wäre es gut für das Land, wenn die Leistungsträger der Grünen auch im neuen Kabinett säßen.

Über zwei Aspekte werden sich fast alle freuen: Die Wahlbeteiligung hat wieder zugenommen, und die AfD ist zwar drin im Landtag, erreichte aber im Norden nur ein relativ schwaches Ergebnis. So sendet Kiel am Ende dieselbe Botschaft wie Paris: Wer wählen geht, übernimmt Verantwortung für die Demokratie.

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