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Christian Longardt zur Polizei Kiel

Leitartikel Christian Longardt zur Polizei Kiel

Eltern holen ihre Töchter lieber von der Tanzstunde ab, Kollegen bringen die Kollegin noch bis vor die Haustür, Frauen suchen sich für die Joggingrunde sicherheitshalber eine Begleitung: Was passiert da gerade in Deutschland, in Schleswig-Holstein, in und um Kiel?

Es ist ein diffuses Gefühl der Angst, das viele Menschen beschlichen hat. Ausgelöst vermutlich kurz nach Silvester, als das Ausmaß der Übergriffe in Köln und Hamburg immer deutlicher wurde. Seither wird jeder Vorfall, jede noch so kurze Polizeimeldung besonders aufmerksam registriert: Ach, guck mal, wieder ein Flüchtling, wieder eine Frau als Opfer – und schon beginnt das Kopfkino.

Mit Vernunft und nüchterner Statistik, die diese Einzeltaten relativiert und einordnet, kommt man diesem Gefühl nicht bei. Nein, natürlich sind unsere Straßen und Plätze keine rechtsfreien Räume; die Polizei hat die Lage insgesamt im Griff; es lauert nicht hinter jeder Ecke ein Sextäter; und nein: Wir dürfen Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen, sollten Migranten weiterhin offen begegnen.

Das alles sagt und schreibt sich leicht. So einfach ist das aber nicht.

Vergangene Woche häuften sich die Meldungen über Übergriffe auf Frauen durch Zuwanderer, in Bad Oldesloe, in Bornhöved, in Bad Segeberg, in Flensburg, in einer Kieler Disco. Nach unserem Bericht am Wochenende über eine Reihe schwerer Sexualverbrechen in Kiel hat sich das Sicherheitsempfinden noch einmal spürbar verändert. Wohl kaum eine Familie, kaum ein Freundeskreis, in dem nicht darüber gesprochen wird. Was das Unbehagen noch steigert, ist das Verhalten der Polizei. Wie ist es möglich, dass eine Frau mitten in Kiel verschleppt und von mehreren Männern vergewaltigt wird, die Polizei eine Information aber erst für nötig hält, als die Presse Monate später nach solchen Fällen in der Wik fragt? Ermittlungstaktische Gründe und Opferschutz, sagt die Polizei. Und was ist mit dem Schutz der Bevölkerung?

Warum erklärt die Polizei dann, die Tat sei „einige Wochen“ her, wenn das Verbrechen sich schon Ende September abgespielt hat? Und wieso liegt eine DNA-Analyse erst nach vier Monaten vor? Schlamperei oder Personalmangel? Letztlich musste man den Ermittlern sogar mühsam aus der Nase ziehen, was die Fälle in Kiel-Wik verbindet: Offenbar haben jeweils drei Täter auf der Straße ihre Zufallsopfer attackiert – ein hierzulande höchst ungewöhnlicher Tathergang. Das lange Schweigen der Polizei lässt sich gewiss professionell begründen, und auch politisch mag das manchem schmecken. Die Wirkung einer solchen Strategie ist jedoch fatal, denn sie beschädigt Vertrauen, sie leistet Gerüchten Vorschub, sie schürt weitere Ängste.

Bleiben wir bei den Fakten: Noch weiß niemand, wer die „Südländer“ wirklich sind, noch ist nicht klar, ob Asylbewerber darunter waren. Umso wichtiger ist jetzt, dass mit Hochdruck und Nachdruck ermittelt wird. Und dass man sauber informiert, offen und ehrlich.

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Ein Artikel von
Christian Longardt
Chefredakteur

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Nach Übergriffen
Foto: Am Elendsredder sollen am Sonntag vergangener Woche drei Männer eine 20-Jährige bedrängt haben.

Die Verunsicherung sitzt tief. Wer im Kieler Stadtteil Wik am Wochenende das Gespräch mit den Menschen suchte, der spürt sie fast in jedem Satz. Die Berichte über schwere Sexualstraftaten in ihrem Stadtteil haben die Wiker getroffen.

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