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Christian Strehk zur SHMF-Zuschauerbilanz

Leitartikel Christian Strehk zur SHMF-Zuschauerbilanz

Das Erwartete ist eingetreten. Und dennoch reibt man sich erstaunt die Augen angesichts des neuerlichen Zuspruchsrekords, den das Schleswig-Holstein Musik Festival vermeldet. Christian Kuhnt und sein Lübecker Team lockten mit ihrer unterhaltenden Programmmixtur (erklärtermaßen abseits der angeblich „ausgetretenen klassischen Pfade“) 154000 Menschen in die Kirchen, Ställe, Hallen und Säle des Landes.

Der zentrale Künstler Martin Grubinger wurde als Extremmusiker tatsächlich zu einem Magneten für die Massen. Und auch beim Komponisten-Schwerpunkt ist es an sich auffällig gut gelungen, die geladenen Künstler jedenfalls partiell zu einer Auseinandersetzung mit Peter Tschaikowsky zu animieren. Der künstlerische Ertrag, so hat man im Vergleich mit dem Thema Mendelssohn von vor einem Jahr den Eindruck, hätte hier aber ruhig noch reicher, noch aussagekräftiger und außergewöhnlicher ausfallen können. Das war immer dann zu spüren, wenn sich die Russen selber – Daniil Trifonow, Anna Vinnitskaja, das Borodin Quartett – für ihren Nationalheiligen einsetzen durften.

Allerlei Bearbeitungen von Ballettmusiken machen sich zwar nett, führen aber von den wahren Qualitäten des Komponisten und seiner Originalwerke eher weg als näher hin. Und so schön es sein mag, wenn ein Christoph Eschenbach mit jungen Musikern aus aller Welt den „Eugen Onegin“ erarbeitet – mit „Iolanta“ wäre der Wiederentdeckungsgewinn einer einst in Anwesenheit von Tschaikowsky durch Gustav Mahler in Hamburg zur Deutschen Erstaufführung gebrachten Opernrarität ungleich gewichtiger und festivalwürdiger ausgefallen. Denn der „Onegin“ wird ja nun wirklich sowieso von jedem norddeutschen Theater in anständiger Qualität gepflegt.

Wenn sich am allgefälligen Programmkonzept des Musik Festivals also überhaupt noch etwas verbessern ließe, dann in der allerletzten Ernsthaftigkeit und Sinnfrage der Konzerte und ihrer Besetzung. Dass man sich außerdem mehr Gastspiele von Top-Orchestern wünscht, weil hier sonst die NDR-Sinfoniker schon die einsame Spitze bilden, ist dagegen ein alter Hut – und naturgemäß nicht leicht zu finanzieren. Gleiches gilt für die werbende Tournee-Ausstrahlung der SHMF-Ensembles, die in diesem Sommer nur in Hamburg und Sonderburg über die Landesgrenzen hinauskamen.

Doch all das soll und darf den Festivalsommer, der morgen Abend spektakulär in Kiel enden wird, nicht kleinreden. Denn dieser Erfolg ist keineswegs selbstverständlich.

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Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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Bilanz
Foto: Das SHMF hat auch in diesem Jahr wieder einen neuen Besucherrekord aufgestellt.

Mit Giuseppe Verdis Requiem geht am Sonntag vor über 4000 Zuhörern in der Sparkassen-Arena Kiel die 30. SHMF-Saison zu Ende. Eine Rekordsaison: 154000 Besucher sind nochmal 1000 mehr als vor einem Jahr. Auch die Platzauslastung in den 176 Konzerten und sieben Musikfesten hat sich von 83 auf 88 Prozent verbessert.

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