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Gerd Müller zur Abstimmung über das Feiertagsgesetz

Leitartikel Gerd Müller zur Abstimmung über das Feiertagsgesetz

Politiker und Pastoren, sie liegen in Schleswig-Holstein mal wieder über Kreuz. Drei Jahre nach dem mühsam erzielten Kompromiss bei den heftig umstrittenen Sonntagsöffnungszeiten in Touristenorten geht es nun um die Frage, wieviel öffentliches Vergnügen an drei christlichen Feiertagen erlaubt sein sollte.

Kiel. Wenn schon ein Abgeordneter wie der eher nicht als Revoluzzer verdächtige FDP-Mann Ekkehard Klug für eine Lockerung des Feiertagsgesetzes plädiert, da immer weniger Menschen Mitglied einer Kirche seien, sollten in den Gotteshäusern die Alarmglocken läuten.

 Auf den ersten Blick geht es scheinbar nur um die Frage, ob an Karfreitag, Totensonntag oder Volkstrauertag mehr öffentliche Fröhlichkeit als bislang erlaubt sein sollte. Freier Tanz für freie Bürger. Und natürlich lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob die Kirchen, deren Bedeutung in der Bevölkerung – positiv formuliert – schon mal größer war, den Menschen in diesem Land weiterhin vorschreiben sollten, dass an diesen stillen Feiertagen nicht nach Lust und Laune auf lustig gemacht werden darf. Man kann es aber auch anders sehen, etwa wie Pastor Matthias Wünsche, der während seiner vortrefflichen Weihnachtspredigt in der Kieler Nikolaikirche davon sprach, stets besser groß zu denken, denn kleiner werde es ohnehin. Groß denken bedeutet, jene Werte zu bedenken, mit denen Deutschland Bürgern anderer Religionen unsere Grundlagen eines friedlichen Miteinanders vermitteln will.

 Nun geht es im Kieler Landtag wahrlich nicht um die Abschaffung des Abendlandes, aber an die Wurzeln unseres Stammbaumes würden die Politiker mit ihrer Gesetzesänderung schon deutlich gehen. Sie befänden sich allerdings in prominenter Gesellschaft. Diverse katholische Priester sägten ebenfalls intensiv an den Ästen, auf denen sie thronen. Die umfangreiche Skandal-Chronik sorgte dafür, dass im Tebartz-van-Elst-Jahr 2014 die Rekordzahl von 2618 Katholiken in Schleswig-Holstein ihren Austritt vollzogen. Der Mitgliederstand in der evangelischen Kirche erreichte gleichzeitig den historischen Tiefstand von 1,392 Millionen. Immerhin, die Besucherzahlen von evangelischen Gottesdiensten liegen im Norden seit 2012 sonntags konstant bei durchschnittlich 63000.

 Seltsam bleibt: Einerseits fallen immer mehr Menschen vom Glauben ab, andererseits wird gerne engagiert diskutiert, wenn es um Gott und die Welt und die Kirche geht. Eine Institution, die nicht nur Seelsorge betreibt, sondern sich in vielfältiger Weise um gesellschaftliche Strukturen kümmert: im sozialen und kulturellen Bereich, in der Flüchtlingshilfe oder – wer weiß das schon – als Träger der KZ-Gedenkstätte Ladelund. Und obwohl viele Deutsche überzeugt sind, der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant oder unser Grundgesetz seien dem Zusammenleben dienlicher als die Zehn Gebote – es lässt sich erkennen, dass das alles ein Thema ist, das weiterhin berührt.

 Gott sei Dank.

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Immer mehr Schleswig-Holsteiner kehren der evangelischen Kirche den Rücken. Die Zahl der Taufen nimmt ab, und nun debattiert der Landtag am Mittwoch auch noch über die Lockerung des Feiertagsgesetzes.

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