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Harald John zu Til Schweigers Flüchtlingsengagement

Leitartikel Harald John zu Til Schweigers Flüchtlingsengagement

Schweiger, Til Schweiger. Nur wenige Namen können in diesen Tagen derart polarisieren, gar provozieren wie der des 51-jährigen Schauspielers und Regisseurs. Geboren in Freiburg, aufgewachsen in Heuchelheim, „Manta Manta“-Darsteller, Liebling von Millionen, bekannt von Hamburg bis Hollywood. Seit ein paar Wochen macht sich Schweiger auch für Flüchtlinge stark. Von Harald John

Und mancher fragt sich leise oder auch sehr laut: Ist der lautstarke Schweiger denn der Richtige für so ein sensibles Thema? Hilft er der guten Sache? Oder schadet er ihr am Ende?

Keine Frage, die Öffentlichkeit tut sich schwer, Schweigers Engagement angemessen zu würdigen. Um die Aufregung über Deutschlands erfolgreichsten Filmemacher zu verstehen, muss die schnelle Rückspultaste gedrückt werden: Schweiger kündigt an, Flüchtlinge in der Harz-Stadt Osterode unterbringen zu wollen – ungläubiges Staunen. Es folgt die Meldung, dass seine Geschäftspartner am Rande der Insolvenz stehen, einer habe Söldner in Krisengebiete geschickt – allgemeine Häme. Schweiger kritisiert die Kanzlerin, sie solle endlich klare Worte über das Schicksal der Flüchtlinge finden – genervtes Nachdenken. Schweiger beschimpft CSU-Generalsekretär Scheuer in einer Talkshow unflätig – kurzes Kopfschütteln. Nun das Finale: Til Schweiger gründet eine Flüchtlings-Stiftung, spendet aus eigener Tasche 100000 Euro für ein Flüchtlingsheim in Osnabrück. Prominente wie Fußball-Bundestrainer Joachim Löw und der Rapper Thomas D unterstützen ihn. Beifall, aber spärlich.

Deutschland ist in der Flüchtlingsdebatte zerstritten, das zeigt sich im Kleinen auch auf Schweigers Facebook-Seite. Mehr als 1,4 Millionen Menschen lesen die Beiträge auf dieser Seite, Schweiger teilt täglich kritische Gedanken, kommentiert, macht sich über seine Kritiker lustig.

Tausenden gefällt das, sie verschenken Smileys und heben den blauen Daumen. Andere kontern mit Spott, auch mit blankem Hass. Und Schweiger löscht nichts, Tag für Tag wächst das digitale Durcheinander von Wut und Gegenwut, von Solidaritätsbekundungen und Schweigerschen Zwischenrufen, die stets mit vielen Ausrufezeichen enden. Denn Schweiger ist impulsiv, kann sich in Rage reden. Sätze wie „Das geht mir auf den Sack“ sind dafür nur ein Beispiel. Außerdem ist der Schauspieler in Fragen von Grammatik und Rechtschreibung von einer aufreizenden Lässigkeit, aber er hat auch die Gabe zur Selbstironie.

Ist das alles nur Eigen-PR? Sollte Schweiger nicht lieber den Mund halten wie die meisten prominenten Schauspieler und Künstler? Oder wenigstens unauffällig Gutes tun wie Herbert Grönemeyer, Joko Winterscheidt oder Wim Wenders? Mit drei Ausrufezeichen: Nein!!! Denn Fragen des Stils sind angesichts des massenhaften Leides zur Nebensächlichkeit geraten. Til Schweiger hat vielen Schweigern im Land immerhin vor Augen geführt, was Engagement – wenn auch ruppiges – bringen kann. Das verdient Respekt, ganz ohne Häme.

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