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Jan von Schmidt-Phiseldeck zur VW-Affäre

Leitartikel Jan von Schmidt-Phiseldeck zur VW-Affäre

Die Affäre um manipulierte Abgaswerte von Dieselautos bietet, so schmerzhaft die Konsequenzen für Volkswagen auch sind, eine große Chance für eine Debatte um die Zukunft unserer Mobilität. Dass Autohersteller seit Jahrzehnten ihre Fahrzeuge mit völlig utopischen Verbrauchswerten verkaufen dürfen, ist nämlich der eigentliche Skandal.

Die Zeit der Labortests, mit denen Pkw auf ihren Schadstoffausstoß überprüft und vermarktet werden, ist hoffentlich spätestens jetzt abgelaufen. Notwendig sind zumindest europaweite Methoden und Standards, nach denen die Autos im realen Fahrbetrieb beweisen müssen, wie viel Dreck tatsächlich hinten rauskommt. Auch wenn klar ist: Ein Motor, ob nun mit Diesel oder Benzin betrieben, kann niemals sauber sein, sollte aber viel strengeren Standards als bisher genügen. Das ist allerdings kaum möglich, wenn der Trend zu PS-starken Boliden anhält, die auf unseren Autobahnen auch noch ordentlich getreten werden.

Der Zwangsrückruf von 2,4 Millionen Dieselfahrzeugen durch das Kraftfahrtbundesamt ist deshalb auch nicht mehr als eine erste schallende Ohrfeige, die dieses Mal den Wolfsburger Autobauer VW getroffen hat. Die übermächtige Autolobby insgesamt muss endlich begreifen, dass die Technik mit Verbrennungsmotoren mittelfristig aufs Abstellgleis gehört. Mikroskopisch feine Partikel und ein ganzer Chemiecocktail entstehen bei der Verbrennung und werden in die Luft geblasen. Mögliche Folgen: Atemwegs, Herz- und Kreislauferkrankungen.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Eigentlich haben wir das immer gewusst und dennoch nicht vom Auto abgelassen. Statt bei kleineren Strecken aufs Fahrrad oder bei mittelgroßen auf Bus oder Bahn zu setzen, siegt die Bequemlichkeit – gerade in Zeiten, in denen die Spritpreise wieder kräftig gesunken sind. Mit dem Song „Ich geb Gas, ich will Spaß“ feierte der deutsche Sänger Markus 1982 ironisch die Lieblingsbeschäftigung vieler Deutscher. 33 Jahre später sind in Deutschland etwa 62 Millionen Pkw zugelassen, und gerast wird weiterhin nach Herzenslust. Die Hersteller bedienen ihre Klientel, unterbieten sich bei Rabatten. Mögliche fortschrittliche Technologien wie Elektromobile, die zumindest in Sachen Emission einen Quantensprung bedeuten, bleiben ein mikroskopisch kleines Nischenprodukt und zumeist Ladenhüter – zu teuer, kein ausgebautes Ladestationsnetz.

Dass Hersteller wie VW aber freiwillig im großen Stil in zukunftsträchtige Technologien investieren, ist nicht zu erwarten. Ganz im Gegenteil: Volkswagen-Aufsichtsrat Olaf Lies setzt auf Durchhalteparolen der ganz speziellen Art. Das Konto seines Handy-Kurznachrichtendienstes Whatsapp hat der SPD-Politiker mit einem Profilfoto versehen, auf dem „Keep calm and love VW“ steht – auf gut Deutsch „Behalte die Ruhe und liebe Volkswagen“. Wir haben verstanden. Danke, Volkswagen.

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Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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VW-Diesel-Fahrzeuge
Foto: Das Kraftfahrtbundesamt ordnet wegen des Abgas-Skandals bei Volkswagen einen verpflichtenden Rückruf aller Diesel-Fahrzeuge mit der manipulierten Software an.

Das Kraftfahrtbundesamt ordnet wegen des Abgas-Skandals bei Volkswagen einen verpflichtenden Rückruf aller Diesel-Fahrzeuge mit der manipulierten Software an. Eine von Volkswagen vorgeschlagene freiwillige Reparatur reicht der Behörde nicht. Das sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Donnerstag auf Anfrage in Berlin.

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