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Jürgen Küppers zu den Veränderungen der Kieler Innenstadt

Leitartikel Jürgen Küppers zu den Veränderungen der Kieler Innenstadt

Wenn man Kiel jetzt für drei bis vier Jahre verlassen würde, müsste man sich bei der Rückkehr wahrscheinlich die Augen reiben. Denn die Innenstadt wäre dann nicht mehr so, wie man sie seit Jahrzehnten kennt.

Ein Kleiner-Kiel-Kanal verstärkt noch einmal die Wasserlage Kiels, im Schlossquartier und am Bootshafen wohnen hunderte (Neu-)Kieler, am Berliner Platz steht ein neues (hoffentlich schönes) Geschäftshaus, wo früher Woolworth sein Domizil hatte. Das klingt zu schön, um wahr zu werden? Das kann so sein, muss es aber nicht. Denn der Stadt bietet sich eine zumindest lange Zeit für unmöglich gehaltene Chance: Investoren sind jetzt bereit, viele Millionen Euro zu investieren. Und die Chancen stehen erfahrungsgemäß nicht schlecht, dass solche Investitionen noch weitere nach sich ziehen.

Dabei profitiert Kiel von Mega-Trends. Großstädte entfalten von Monat zu Monat mehr Anziehungskraft. Denn hier sind die Theater, Ärzte, Kitas, Schulen, die Beratungsstellen, Busse, Supermärkte oder Kneipen. Aber kaum eine Stadt hat für Wohnungen neue Flächen zu bieten. Schon gar nicht in zentraler Lage. Kiel ist da eine Ausnahme. Stichworte dazu sind Wohnungsbauten an der Alten Feuerwache, künftig im Schlossquartier oder am Bootshafen. Bedenkenträger könnten einwenden: Ist doch alles nur für die Wohlhabenden, kein Normalverdiener kann sich solche Wohnungen leisten. Das mag größtenteils sogar stimmen. Trotzdem ist es gut für die City einer Stadt, wenn sie bewohnt ist. Es macht sie lebendiger.

Und es gibt einen weiteren Trend, von dem Kiel profitiert. Wer Kapital hat, investiert es gerade in diesen Zeiten mit Zinserträgen in homöopathischen Dosen nach wie vor am liebsten in solides „Betongold“. Vor allem in besten Lagen. Und davon hat Kiel vergleichsweise noch viele bieten. Das Risiko für Anleger ist gering, denn City-Wohnlagen sind nicht endlos erweiterbar, ihre Wertsteigerung ist aufgrund der Anziehungskraft von Städten programmiert.

Und jetzt wird alles endlich gut nach der langen Tristesse am Bootshafen oder am Schlossquartier? Erst einmal wird es vermutlich jahrelang mächtig laut und verkehrstechnisch chaotisch, wenn Kleiner-Kiel-Kanal und das Bootshafen-Areal fast zeitgleich errichtet werden. Und es wird heftige Diskussionen darüber geben, ob die neuen Gebäude das Innenstadtherz wirklich kräftiger schlagen lassen oder doch einen Infarkt auslösen. Allzu frisch ist noch die krasse Enttäuschung über das konzeptionell missratene Nordlicht-Geschäftshaus in der Holstenstraße nach all den euphorischen Erwartungen einer Innenstadtbelebung.

Bei den vielen anstehenden Eingriffen quasi am offenen Herzen Kiels kommt der Stadtverwaltung eine enorme Verantwortung zu. Bei aller Begeisterung über die Investitionsbereitschaft muss sie Planern rechtzeitig Einhalt gebieten, wenn Profitdenken zu mehr Hässlichkeit und damit weniger Aufenthaltsqualität führen sollte. Sonst würde man sich nach drei bis vier Jahren die Augen reiben und sagen: So hatten wir uns das alles nicht vorgestellt.

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Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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