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Karen Schwenke zur Angst der Frauen

Leitartikel Karen Schwenke zur Angst der Frauen

Mehr als hundert Frauen erlebten in der Silvesternacht in Köln und Hamburg einen Albtraum. Sie waren einer Überzahl enthemmter Männer ausgeliefert, die sie bedrängten, einkesselten, sexuell angingen. Zwei Frauen wurden vergewaltigt – mindestens –, alle anderen hatten Angst, dass es so weit kommen könnte.

Und mit ihnen dürfte diese Vorstellung jetzt 42 Millionen Frauen in Deutschland beunruhigen. Nämlich alle. Schließlich gab es sexuelle Übergriffe dieses Ausmaßes in Deutschland noch nicht. Diese Sorge ist berechtigt. Sie war es aber auch schon vor der Silvesternacht. Denn sexuelle Gewalt ist in Deutschland kein Einzelphänonem. Studien belegen, dass die große Mehrheit der deutschen Frauen sie bereits erlebt hat; und jede siebte Frau wurde in ihrem Leben mindestens einmal vergewaltigt. Das Problem findet in der Öffentlichkeit wenig Gehör. Oft wollen die Opfer auch im Verborgenen bleiben, ihre Scham ist zu groß. Viele trauen sich nicht, über das Erlebte zu sprechen, geschweige denn es zur Anzeige zu bringen.

So tragisch dieser massenhafte Übergriff auf Frauen in deutschen Großstädten war, die positive Folge ist die mediale Aufmerksamkeit. Und damit vielleicht die Chance, dass Frauen mit einem größeren Selbstbewusstsein gegenüber Tätern auftreten können. Es wäre allerdings fatal, in dieser Situation nur mit dem Finger auf die Täter aus der Silvesternacht zu zeigen, junge Migranten. Fälle im öffentlichen Raum sind eine absolute Ausnahme, die meisten Übergriffe erleben deutsche Frauen in ihrem sozialen Umfeld und in privaten Räumen – unabhängig von der Religion und Herkunft des Täters.

Weil aber die Täter von Köln vermutlich aus dem arabischen Raum und Nordafrika stammen, droht jetzt die öffentliche Meinung zum Flüchtlingsthema zu kippen. Als Erklärungsversuch für die Taten wird das Frauenbild im Islam herangezogen, und das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Fremdenfeindlichen. Trotzdem müssen Diskussion und Aufklärung fortgesetzt werden. Nur so bekommen die Täter, die mit ihren sexuellen Übergriffen ihre Macht ausdrücken, einen mächtigen Gegner: die öffentliche Meinung. Die juristische und gesellschaftliche Missbilligung ist aber auch für die Frauen wichtig, damit sie ein Gefühl der Sicherheit zurückgewinnen können. Und natürlich müssen die Täter die Konsequenzen erfahren, die unser Rechtsstaat vorsieht.

Völlig fehl am Platz ist zu diesem Zeitpunkt jedoch die Forderung von Experten nach Kultur- oder Sportangeboten für sexuell unausgelastete junge Migranten. Denn so lässt sich das Frauenbild der Täter nicht ändern. Die grundgesetzkonforme Haltung in Bezug auf Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung muss im Alltag vorgelebt und eingefordert werden. Und hier sind als Vorbilder wir alle gefragt – aber vor allem die Männer.

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Übergriffe in Köln
Foto: Ein internes Protokoll der Bundespolizei, das am Mittwoch öffentlich wurde, zeichnet ein schockierendes Bild von den Vorgängen in Köln.

Der Kölner Polizeiführung war offenbar schon in der Silvesternacht klar, dass es sich bei den jungen Männern, die Frauen sexuell bedrängten und ausraubten, um Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan handelte, die erst seit kurzem in Deutschland leben.

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