21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Klaus Kramer zu Sepp Blatter und der Fifa

Leitartikel Klaus Kramer zu Sepp Blatter und der Fifa

Er wackelte, aber er fiel nicht. Sepp Blatter bleibt Fifa-Präsident. Trotz der Verhaftung von sieben Fifa-Funktionären wegen des Verdachts der Korruption. Und trotz seiner fatalistischen Reaktion darauf: „Wir können nicht jeden überwachen. Wenn jemand etwas falsch machen will, kann er dabei unentdeckt bleiben.“

Muss er aber nicht. Kein Verband und kein Staat ist gezwungen, Korruption als gottgegeben hinzunehmen. Korruption ist keine Marotte wie das Nägelkauen. Korruption ist strafbar. Von der Vorteilsannahme über die Bestechlichkeit und Bestechung, von der Geldwäsche über den Betrug bis zur Untreue reichen die Spielarten der Korruption. Das deutsche Strafrecht braucht 15 Paragrafen, um sie aufzulisten.

Man muss diese Paragrafen nur anwenden. Daran hapert es im Umgang mit der Fifa. Dass der Weltfußballverband wie viele seiner Mitgliedsverbände korrupt ist, ist ja hinlänglich bekannt. Dass nun ausgerechnet der Weltpolizist (und Fußballzwerg) USA daran rüttelt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – ist andererseits aber nicht erstaunlich: Die USA sind bekannt dafür, dass sie Korruption in der Wirtschaft nicht dulden. Egal, wo betrogen oder geschmiert wird, darf das FBI dazwischengehen. Andere Staaten tun sich damit deutlich schwerer.

Man hat nicht gerade den Eindruck, dass der Fifa-Skandal in Deutschland, der Fußballnation schlechthin, zu überschäumender Empörung führt. Zugegeben, Blatter beherrschte ein paar Tage lang die Schlagzeilen. Aber nach seiner am Ende doch reibungslosen Wiederwahl legen sich die Empörten auch ganz schnell wieder hin. Oder glaubt jemand im Ernst, dass Uefa-Chef Michel Platini seiner Drohung Taten folgen lässt, die europäischen Verbände könnten sich nach einer Wiederwahl Blatters aus allen Fifa-Wettbewerben, also auch von Weltmeisterschaften, zurückziehen?

Es dürfen Wetten angenommen werden, ob Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und die anderen fußballbegeisterten Nationen Europas die WM 2018 in Russland und die WM 2022 in Katar boykottieren werden. Selbst wenn die Politik dies ernsthaft erwöge, wäre man mit den Gegenargumenten doch schnell bei der Hand: bestraft die Sportler, nicht die Täter, führt zu diplomatischen Verwerfungen und so weiter und so fort.

In Wahrheit redet man damit die Korruption und das Gift, das sie verspritzt, klein. Es geht in diesem Skandal eben nicht um die schönste Nebensache der Welt. Der weltweite Fußball ist ein Milliardengeschäft, das von korrupten Funktionären gesteuert wird. Und kaum jemand ist bereit, daran etwas zu ändern. Eine solche Moral verdirbt nicht nur die Schönheit des Fußballs. Sie verdirbt auf die Dauer auch den Charakter, nicht nur den der Funktionäre, sondern auch den Charakter all derer, die wissen, dass falsch ist, was sie tatenlos dulden – und nichts dagegen unternehmen.

Charakter kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet Prägestempel. Der Prägestempel der Demokratie ist das Recht. Korruption darf nicht ihr Prägestempel werden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Klaus Kramer
Chefredakteur / Ressortleiter Nachrichten

Veranstaltung in...

Aktuelle
Veranstaltungen
und Tagestipps!

Gewinnspiele

Kostenlos mitmachen
und mit etwas Glück
jetzt gewinnen!

Anzeige
Mehr zum Artikel
Fußball
FIFA-Chef Joseph Blatter geht weiter gegen seine Gegner vor.

Nach wilden Tiraden gegen die USA und die UEFA hat FIFA-Präsident Joseph Blatter den Verbal-Feldzug gegen seine Widersacher fortgesetzt. Seinen Freund Franz Beckenbauer benutzte er dabei als vermeintlichen Kronzeugen für einen Frontalangriff gegen die Spitze des deutschen Fußballs.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus KN-Kommentare 2/3