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Martina Drexler zu NS-Wissenschaftlern

Leitartikel Martina Drexler zu NS-Wissenschaftlern

Schleswig-Holsteins braune Vergangenheit drängt sich in diesen Tagen erschreckend lebendig ins Bewusstsein. Der Todesmarsch der KZ-Häftlinge nach Kiel jährt sich ebenso wie die Bücherverbrennung vor 83 Jahren. Dazu die jüngst veröffentlichte Flensburger Studie zu belasteten Landtagspolitikern.

Sie enthüllte, wie in der NS-Zeit aktive Landespolitiker bis 1982 unbehelligt ihre Karrieren vorantreiben konnten. Entsprechend vernichtend fällt auch das Fazit der Wissenschaftler aus: Abgeordnete, Minister und Staatssekretäre kamen trotz ihrer Vergehen nicht nur ungeschoren davon, sondern bestimmten – im bundesweiten Vergleich extrem lange und ausgeprägt – auch das gesellschaftlich-politische Klima.

Auch vor diesem Hintergrund muss man die Verleihung der Ehrensenatorenwürde an den Kieler Internisten Alfred Schittenhelm 1951 einordnen: Es ist das Jahr, in dem Schleswig-Holstein per Gesetz die Entnazifizierung beendete. Da wurde also ein strammer Nazi in einer Zeit geehrt, als alte Seilschaften aus der NS-Zeit dabei helfen konnten, sich nach außen reinzuwaschen und das Ansehen zu steigern.

Jahrzehntelang wurde so vertuscht, verschwiegen und verdrängt, blieb nicht nur in der Politik, sondern auch an der Universität eine konsequente Aufarbeitung aus. Die Bücherverbrennung in Kiel begann mit einer Kundgebung in der Aula der Universität, wo ein Philosophieprofessor die Zuhörer auf den deutschen Geist einschwor. Eins der düstersten Kapitel für die Kieler Forschung ist der Fall Werner Catel: Dem Mediziner konnte die Mittäterschaft bei der sogenannten Kindereuthanasie nachgewiesen werden, was aber nicht verhinderte, dass er 1954 einen Lehrstuhl an der Kieler Kinderklinik übernahm. Erst 1960 wurde Catel, der seine Beteiligung an der Tötung tausender Kinder mit schweren Behinderungen immer als „Leidminderung“ rechtfertigte, auf öffentlichen Druck vorzeitig emeritiert. Und erst 2006 ordnete die Universitätsspitze den kritischen Begleittext unter seinem Porträt in der Kinderklinik nach massiven studentischen Protesten an.

Offenbar mussten mehr als 70 Jahre ins Land gehen, bis eine neue Generation die dringend notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit konsequent vorantreiben kann. Spät, aber nicht zu spät, vor allem angesichts der wachsenden Gefahr eines Rechtsrucks. Ob die Studie oder die Losung der Universität, sich ihrer historischen Verantwortung stellen zu wollen – hier startete zum Glück keine pauschale Hetzjagd, sondern eine durch wissenschaftliche Quellen untermauerte Suche, die in jedem Einzelfall erhellen soll, ob und wie tief Professoren und Politiker in die Machenschaften der Nationalsozialisten verstrickt waren. Das ist zwar sehr mühsam, aber der Aufwand lohnt sich, um sich von begangenem Unrecht klar und ideologiefrei abgrenzen zu können. Im Fall Schittenhelm kann das nur bedeuten: der Entzug des Ehrensenator-Titels und ein neuer Name für die Straße, an der die Medizin mit Forschungsneubauten den Aufbruch in die Zukunft markieren will.

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Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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