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Stefan Winter zum Milchpreis

Leitartikel Stefan Winter zum Milchpreis

Das Jahr 2014 begann, und die Milchbauern hatten ein Problem: Die Nachfrage boomte, aber die noch gültige EU-Quote hinderte sie daran, soviel Milch zu verkaufen, wie der Markt verlangte und mit 40 Cent pro Kilogramm bezahlte.

Die Regeln müssten auf den letzten Metern noch einmal gelockert werden, forderten einträchtig der Bauernverband und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, die sich sonst in Abneigung zugetan sind. Landwirte warteten auf das Ende der Quote, investierten in zusätzliche Kapazität und hörten froh vom neuen Milchdurst der Chinesen. Tatsächlich stieg die Milchproduktion in Deutschland und der Welt – bis in diesen Sommer hinein, der nun in Heulen und Zähneklappern endet.

Der Milchpreis ist abgestürzt, viele Betriebe wissen nicht mehr, wie sie von weniger als 30 Cent pro Kilogramm Milch überleben sollen. Die Besonnenen halten wieder ihre „40-Cent“-Schilder hoch, die sie schon 2009 gemalt haben, die anderen zünden in Brüssel Barrikaden an. Lautstark beklagen sie die eine Seite des Problems, die unvorhersehbare Marktschwäche: Der Handelsstreit der EU mit Russland macht einen riesigen Markt unerreichbar, wenige Branchen leiden so darunter wie Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Auch der chinesische Markt schwächelt, der zweite große Hoffnungsträger. Weniger deutlich wird die andere Seite: Die Milcherzeuger haben auf Wachstum gesetzt – umso größer sind die Mengen, die nun Abnehmer suchen, und umso schwerer lastet mancher Investitionskredit.

Die Abschaffung der Milchquote im vergangenen Frühjahr hätte allein schon für einige Marktturbulenzen gesorgt. Doch jetzt lernen die Landwirte das Marktprinzip auf die ganz harte Tour. Es ist kein Wunder, dass wieder die Traktoren durch Brüssel rollen. Aber im Grunde ist das inzwischen schon die falsche Adresse. Die Agrarminister können akute Härten abfangen, und das sollen sie angesichts des jüngsten Preisrutsches auch tun. In der aktuellen Übergangsphase von der Quote zum Markt schwanken die Preise in einem Maß, mit dem einzelne Betriebe kaum noch umgehen können. Es wird also Maßnahmen brauchen, diesen Übergang zu glätten. Dabei sind auch Landwirtschaft, Lebensmittelbranche, Händler und Verbraucher in Deutschland gefragt. Dass ausgerechnet die Erzeuger das schwächste Glied in dieser Kette sind, muss nicht so bleiben. Sie brauchen – ja: das ist leicht gesagt – mehr Verhandlungsmacht gegenüber den Händlern. Dazu gehört dann aber auch, dass das Butter-Sonderangebot beim Discounter die Kunden kalt lässt – womit wir uns der Utopie nähern.

Deshalb wird das Leben für Landwirte schwer bleiben, sie müssen sich auf bewegte Märkte einstellen. Die weltweiten Milchpreise werden nicht mehr von denen festgesetzt, die die lauteste Hupe haben, sondern von globalen Händlern an Börsen und Spotmärkten. Dort steigt der Preis übrigens schon wieder spürbar.

Von Stefan Winter

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