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Ulrike Demmer zur Kriegsrhetorik

Leitartikel Ulrike Demmer zur Kriegsrhetorik

Nur eine Stunde nach den Anschlägen in Paris erklärte Frankreichs Präsident François Hollande den Ausnahmezustand für sein Land. Bundespräsident Joachim Gauck sprach wenig später von einer „neuen Art von Krieg“. Es sei „eine Art Dritter Weltkrieg“, der geführt werde, sagte Papst Franziskus.

So kurz nach dem blutigen Geschehen ist martialische Rhetorik verständlich: In einer Situation der Schwäche sollen Worte Stärke demonstrieren. Trotzdem ist jede Kriegsrhetorik verfehlt.

Krieg herrscht in Syrien und im Irak, nicht in Westeuropa. Hier gibt es keinen Krieg, sondern exportierten Terror von Attentätern mit Bombengürteln. Wer meint, Paris, London oder Berlin stünden im Krieg, der verhöhnt all jene, die in Syrien und im Irak jeden Tag im Bombenhagel stehen, die Familie, Freunde und ihr Zuhause verloren haben.

Natürlich hat der Krieg in den vergangenen Jahren seine Erscheinungsform gewechselt. Der Krieg ist ein Chamäleon, befand schon der preußische Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz. Der klassische Staatenkrieg, der in Geschichtsbüchern so viel Platz eingenommen hat, wirkt fast schon wie ein historisches Auslaufmodell. Tatsächlich ist der „Islamische Staat“, auch ohne Staat zu sein, ein ernstzunehmender Kriegsgegner – mehr als es El Kaida oder die Taliban je waren.

Die Gefahr solcher Kriegsrhetorik: Sie lässt sich auf das Spiel des Gegners ein. Sie befördert das Ziel des islamistischen Terrors und vertieft den Graben zwischen der muslimischen Welt und dem christlich geprägten Westen. Freie Gesellschaften sind verwundbar. Die Opfer von Paris sind der Preis dieser Freiheit. Darauf müssen wir uns einstellen. Wir können die Sicherheitsbehörden besser ausstatten. Wir können unsere Supermärkte und Konzertsäle von Polizisten schützen lassen. In Frankreich patrouilliert sogar das Militär. Doch selbst eine Überwachungskamera in jedem Treppenhaus wird uns nicht gänzlich vor dem Terror schützen können.

Die Gefahr durch den Terror verändert sich so schnell, dass eine eben getroffene Sicherheitsmaßnahme im nächsten Moment wieder veraltet ist. Freiheit lässt sich nicht mit mehr Sicherheit verteidigen. Diese Wahrheit sollten wir uns eingestehen. Anschläge wie die von Paris lassen sich nicht verhindern. Wir werden uns daran gewöhnen müssen.

Die stärkste Waffe gegen die Bedrohung durch den Terrorismus heißt Resilienz. Resilienz ist ein Konzept der Evolutionsbiologie. Es ist die Fähigkeit des Menschen, Krisen zu bewältigen und Schocks zu absorbieren und möglichst unbeschadet weiter existieren zu können, die Krise sogar als Möglichkeit zu sehen, sich weiterzuentwickeln.

Auch Gesellschaften können Resilienz entwickeln, widerstandsfähiger werden, auch gegen Attentate mit Sprengstoffgürtel oder dem Maschinengewehr. Dazu gehört es auch, die eigene Verwundbarkeit zu akzeptieren.

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Schwer bewaffnet: Die Bundespolizei patrouilliert im Kieler Hauptbahnhof.

Nach den Terroranschlägen von Paris warnen die französische Regierung und der US-Geheimdienst CIA vor neuen Attentaten islamischer Extremisten. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bereite weitere Attacken gegen europäische Länder vor, sagte der französische Premierminister Manuel Valls am Montag.

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