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Bodo Stade zum Fall Sophienhof: Ein Lehrstück

Leitartikel Bodo Stade zum Fall Sophienhof: Ein Lehrstück

Über die Geschichte wollte eigentlich niemand mehr so gern sprechen. Zwei Monate, nachdem eine Mitteilung der Kieler Polizei erst alle Redaktionen der Republik und dann die gesamte Öffentlichkeit in helle Aufregung versetzt hat, hätten viele den Fall Sophienhof gern abgeschlossen.

Die Darstellung der Polizei sei damals im Eifer des Gefechtes eben ein bisschen zu drastisch ausgefallen, meinen die einen. Die Zeitungen hätten es ja auch nicht einfach so übernehmen müssen, sagen die anderen. Und immerhin wird nun gegen zwei 17-jährige Afghanen ermittelt, die am 25. Februar versucht haben sollen, sich an drei Mädchen heranzumachen. Ob es sich um eine Straftat handelt, muss irgendwann ein Richter entscheiden.

So hätte man das sehen können. Wenn da nicht die beiden jungen Afghanen aus Felde wären, die in eine Geschichte hineingestolpert sind, die möglicherweise ihr Leben und das ihrer Familie verändert – und ein Lehrstück über das Zusammenspiel von Politik, Asylrecht und Bürokratie ist.

Es muss vielleicht noch einmal betont werden: Der 26-jährige Obeydallah und sein 19-jähriger Cousin Bahridin waren nicht in der Silvesternacht in Köln dabei. Sie können also nichts für die unerträglichen Übergriffe, die die gesamte Republik elektrisierten. Es ist auch nicht ihre Schuld, dass die Polizei in ihrer Pressemitteilung vom 26. Februar davon sprach, dass 20 bis 30 Personen mit Migrationshintergrund die Mädchen im Sophienhof „belästigten, beobachteten und verfolgten“. Die beiden jungen Afghanen waren an diesem Nachmittag einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Und genau deshalb muss über diese Geschichte weiter gesprochen werden, deshalb gehören alle Fakten auf den Tisch – auch wenn niemand so recht damit heraus will. Obeydallah und Bahridin hilft es nun einmal nicht, dass die Polizei inzwischen einen „bedauerlichen Fehler“ einräumt, weil sie über Wochen die falsche Behauptung im Raum stehen ließ, bei den Hauptverdächtigen handele es sich um einen 26 und einen 19 Jahre alten Mann. Sie haben auch nichts davon, dass das Innenministerium darauf verweist, dass nach den Vorfällen in Köln nun mal verabredet worden sei, dass Asylverfahren von potenziellen Straftätern vorrangig behandelt werden sollen.

Die beiden sind eben keine potenziellen Straftäter, sondern zwei junge Afghanen, die nun Ablehnungsbescheide in den Händen halten, gegen die sie nahezu machtlos sind. Denn eine Korrektur ist in diesem Verfahren offenbar nicht vorgesehen. Auch nachdem klar war, dass die Namen der beiden eigentlich gar nicht hätten weitergereicht werden dürfen, rührte niemand einen Finger. Hätten die Menschen in Felde, die Obeydallah und Bahridin besser kennen als andere, sich nicht gemeldet, so hätte niemand etwas von deren Schicksal erfahren.
 

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Bodo Stade
Stellvertretender Chefredakteur

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Auf seinen ersten Besuch im Kieler Sophienhof hatte sich Obeydallah A. gefreut. Am 25. Februar fuhr der 26-Jährige aus Felde gemeinsam mit dem minderjährigen Bruder Javid (15) sowie seinem Cousin Bahridin (19) mit der Bahn nach Kiel. Was dann geschah, schilderte er den Kieler Nachrichten mit Hilfe eines Übersetzers.

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