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Carola Jeschke zur UKSH Notaufnahme

Leitartikel Carola Jeschke zur UKSH Notaufnahme

Rein theoretisch könnte man sich als Schleswig-Holsteiner beruhigt zurücklehnen, wenn es um das Thema Schlaganfall geht. Nicht nur das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein verfügt in Lübeck und Kiel über Stroke Units, also spezielle Intensivstationen für Schlaganfallpatienten.

Auch in Neustadt, Bad Segeberg, Neumünster, Rendsburg oder Schleswig gibt es entsprechend überwachte Betten und interdisziplinäre Spezialteams. Das Schlaganfallnetz Schleswig-Holstein mit vier Partnerkliniken ist ebenfalls dicht gewebt. Im Notfall stehen die Chancen also nicht schlecht, schnell und professionell versorgt zu werden, wenn einen der Schlag trifft. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Wenn betroffene Patienten bereits am strukturellen Chaos in der Notaufnahme scheitern, nützt das beste Netz nichts. Das ist mehr als erschreckend, es ist ein gesundheitspolitischer Skandal.

 Zu wenig Personal, stundenlanges Warten, eine verzögerte Behandlung: Man muss nicht erst einen lebensbedrohlichen Schlaganfall haben, um sich in dieser Situation ausgeliefert und hilflos zu fühlen. Da nützt es wenig, zu wissen, dass die Ärzte und Pfleger auch nur Menschen sind. Menschen, die in viel zu kleinen Teams unter Hochdruck Patienten einschätzen, untersuchen und versorgen müssen, und die auch nichts anderes tun können, als so zügig wie möglich zu arbeiten. Sie arbeiten täglich gegen das Chaos an und kommen doch nicht hinterher.

 Aber auch die Patienten, die am Wochenende mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit die Notaufnahme verstopfen, müssen sich fragen, wie schnell sie selbst in einem echten Notfall behandelt werden möchten. Dass sie lieber vier Stunden in der Notaufnahme sitzen, anstatt vier Wochen auf den Facharzttermin zu warten, ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Ein Notfall sei immer subjektiv definiert, sagt der Kieler Neurologe Prof. Günther Deuschl. Das mag stimmen, doch trotzdem sollten auch Selbsteinweiser kurz darüber nachdenken, ob sie nicht auch am nächsten Tag den Hausarzt aufsuchen könnten. Das veränderte Patientenverhalten kostet Zeit, Geld und bindet Ressourcen.

 Experten mahnen: Ohne ausreichende Finanzierung der Kliniken sind weiterer Personalabbau und Arbeitsverdichtung unvermeidbar. Das UKSH hat an seinen beiden Standorten allein im vergangenen Jahr 115768 Notfälle behandelt – und damit ein Defizit von 13 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Honorare für ambulante Behandlungen decken nicht die hohen Vorhaltekosten der Kliniken für Personal und medizinische Ausrüstung. In Schleswig-Holstein suchen Krankenhäuser, Kassenärztliche Vereinigung und Landesregierung nach einer einvernehmlichen Lösung. Man kann nur hoffen, dass sie sie finden, bevor die Notaufnahmen kollabieren.

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Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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