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Böses Erwachen nach G20

Leitartikel Böses Erwachen nach G20

Ein Bummel durchs Hamburger Schanzenviertel ist für viele von uns ein ganz normales Wochenendvergnügen. Hier, im gentrifizierten Altbauquartier, lässt sich ganz wunderbar Mate-Limo trinken, hier gibt es ultra angesagte Sneaker zu kaufen – Großstadtluft für Landeier. Rote Flora, Punks und Linksautonome wurden in den vergangenen Jahren zunehmend zur Folklore – übrigens auch für die Hamburger selbst. So kann man sich täuschen.

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Christian Hiersemenzel.

Quelle: Ulf Dahl

Spätestens zum G-20-Gipfel mit seinen Gewaltexzessen ist klar, wie widersprüchlich das alles ist. Und wie verlogen, wenn sich Linke zwar von Gewalt gegen Menschen distanzieren, Zwangsbesetzungen von Häusern dagegen tolerieren und Straßenbarrikaden als probates Mittel des politischen Protestes hinnehmen. Frei nach dem Motto: Ist ja nicht so schlimm.

Links ist eben auch chic. Das gilt seit Jahrzehnten für breite Bevölkerungsschichten der Hansestadt, längst aber auch für weite Teile des bürgerlich-intellektuellen Milieus in Schleswig-Holstein. Und es funktionierte ganz prima, solange nichts passierte. Seit G20 ist dieses Koordinatensystem ins Wanken geraten. Wenn wir doch aufgrund der katastrophalen Erfahrungen im NS-Regime mehrheitlich rechtes Gedankengut mit seinem Rassismus und reaktionären Menschenbild ablehnen (möge es dabei bleiben!) und Rechtsextremismus ohnehin indiskutabel finden, warum flirten viele dann immer wieder mit Che Guevara und Mao, manche sogar mit den Ideen der RAF? Und blenden vollkommen aus, dass eine gewaltsame Revolution unser gesamtes demokratisches System blutig hinwegfegen würde?

SPD-Chef Ralf Stegner weist jetzt zu Recht darauf hin, dass sich die demokratische Linke nicht die Deutungshoheit darüber nehmen lassen darf, was links ist und was angeblich nicht – nicht von konservativer Seite, schon gar nicht von Rechts. Als „demokratischer Linker und progressiver Sozialdemokrat“ habe er ein Menschenbild von Toleranz, Menschenwürde und humanitären Grundüberzeugungen, die mit Gewalt, wie in Hamburg zu erleben, in keiner Weise vereinbar sei. Indem Stegner jedoch das Bild vom „anständigen Linken“ entwirft, impliziert er nicht nur, dass es auch unanständige Linke gibt – sondern auch anständige Rechtsaußen. Was Stegner stets bestreitet. Und was in der Tat erst noch zu beweisen wäre.

Im Schanzenviertel beginnen erste Bewohner, sich von den linksautonomen Nachbarn abzuwenden. Das ist nur konsequent. Und Bürgermeister Olaf Scholz, einer von Deutschlands prominentesten Sozialdemokraten, denkt endlich ernsthaft über eine Schließung des autonomen Zentrums Rote Flora nach. Welcome to Hell? Er hoffe, dass den Organisatoren der Gewaltdemo „keiner mehr ein Stück Brot abkauft“, sagte er in einem Interview. Wäre damit der Fall doch erledigt. In ein paar Wochen ist das alles hoffentlich nicht schon wieder vergessen, wenn wir beim Latte macchiato sitzen und den Autonomen in der Roten Flora zuschauen.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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