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Christian Hiersemenzel zu Robert Habecks Ambitionen

Leitartikel Christian Hiersemenzel zu Robert Habecks Ambitionen

Ihm sei durchaus bewusst, dass seine Ambitionen auf ein Amt in Berlin viel durcheinander bringen, sagte Robert Habeck am Sonntag nach glücklich überstandenem Votum. Stimmt genau!

Dass die Delegierten in Neumünster zuvor zwei Stunden über die Doppelspitze zur Landtagswahl gestritten hatten, obwohl es für den Politstar mit seinem bisherigen Landeslistenplatz 2 doch offensichtlich keinen natürlichen Nachfolger und zur Spitzenfrau Monika Heinold keine Konkurrenz gibt, ist dafür ein klares Indiz. Das personelle Gerangel hat begonnen, was in jeder Organisation vollkommen normal ist. Bloß, dass sich in einer so diskussionsfreudigen Partei wie den Grünen niemand unvorsichtig aus der Deckung wagt, um nicht vorzeitig abgesägt zu werden.

Bereits am Wochenende kursierten für Listenplatz 2, der Männern wie Frauen gleichermaßen offensteht, mehrere Namen. Ambitionen werden zum Beispiel dem 30 Jahre jungen finanzpolitischen Fraktionssprecher Rasmus Andresen nachgesagt. Fraktionschefin Eka von Kalben käme ebenfalls in Frage, auch Ruth Kastner wäre als Landesvorsitzende naheliegend. Immer wieder genannt wird der Abgeordnete Bernd Voß, grünes Urgestein aus dem Kreis Steinburg, Experte für Landwirtschaft und Atom. Und dann wäre da noch die junge Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Migration und Flucht, Aminata Touré: Die Kieler Newcomerin wurde am Sonntag mit 67 zu 32 Stimmen frisch in den Landesvorstand gewählt. Es würde zum feministischen Profil der Grünen passen, wenn die Partei nach dem männlichen Spitzenkandidaten Habeck des Jahres 2012 (worüber auch damals schon heftig debattiert wurde) diesmal mit drei Frauen auf den ersten Plätzen anträte. Als Ausgleich sozusagen.

Und Habeck selbst? Er kokettierte in Neumünster, wo viele Parteifreunde traditionell in leuchtendem Grün erschienen, mit einem knallroten Hemd und der Aussage, dass sich die Partei von alten Projektzeiten verabschieden müsse und sich schon gar nicht der CDU anbiedern dürfe. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass sich der Pragmatiker einer schwarz-grünen Koalition nicht verschlösse, wenn auf diese Weise denn grüne Inhalte umgesetzt werden könnten. Fakt ist, dass dieser Charismatiker die Menschen begeistern kann und mit seinen Qualitäten im Landesverband alle anderen blass aussehen lässt.

Ob das für die Bundesliga reicht? In den nächsten Monaten muss sich Habeck deutschlandweit bekanntmachen, um neben den Tonangebern Özdemir und Hofreiter von den Parteimitgliedern und Hauptstadt-Journalisten überhaupt wahrgenommen zu werden. Der 46-Jährige gilt mehr als Spielernatur, weniger als kühler Stratege. Er wolle unbedingt erreichen, dass sich die coolen, progressiven Leute, die etwas nach vorn bringen, nach den Grünen ausrichten, sagte er gestern, als wäre es eine Selbstdefinition. Think big: keine schlechten Voraussetzungen für Berlin.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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