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Christian Longardt zu Griechenland

Leitartikel Christian Longardt zu Griechenland

Seit Monaten, ja seit Jahren beschäftigt uns nun schon das griechische Drama um Schuld und Schulden, Macht und Ohnmacht, Verleugnung und Verlässlichkeit. Satiriker und Karikaturisten haben inzwischen wohl alle denkbaren Pointen ausgereizt, und den politischen Protagonisten auf beiden Seiten des Verhandlungstisches fällt es von Woche zu Woche schwerer, normale diplomatische Umgangsformen zu wahren. Doch was ist in dieser Lage schon normal? Allen Beteiligten ist klar: Die Zeit des Drohens und Taktierens ist in wenigen Tagen zu Ende – jetzt geht es wirklich ums Ganze.

Das erkennen unmittelbar die Menschen in Griechenland, die mit wachsender Sorge beginnen, ihre Euro-Konten leerzuräumen. Und während das störrische Selbstbewusstsein der Griechen allmählich blanker Panik weicht, wird auch dem deutschen Steuerzahler bewusst, dass die Zeit der harmlosen Scherze über die Schuldenkönige von der Akropolis nun rasch beendet sein könnte – dass ein Szenario einzutreten droht, das auch die starke ökonomische Basis des europäischen Musterschülers Deutschland erschüttern würde.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der griechische Finanzminister Varoufakis am Wochenende versuchte, die Bundeskanzlerin in die Pflicht zu nehmen und sie zu einer „ehrenvollen Einigung“ zu drängen. Deutschland als stärkster aller EU-Partner ist auch in dieser Krise Dreh- und Angelpunkt, eine Lösung ohne Angela Merkel wird es nicht geben. Varoufakis darf aber sicher sein: Die Kanzlerin, aus Griechenland oft genug grob beleidigt und verunglimpft, wird auch beim heutigen Krisengipfel im Ton angemessen und in der Sache entschieden bleiben. Athen muss Bereitschaft zeigen, die Staatsausgaben strukturell weiter zu beschneiden, Athen muss sich an Vereinbarungen halten, kurzum: Athen muss liefern.

Mit ihrem Allein-gegen-alle-Kurs kann die Tsipras-Regierung bestenfalls noch innenpolitisch punkten. In Europa haben sich die Griechen aber vollkommen isoliert; aus der Sackgasse kommen sie nur heraus, wenn sie freiwillig umkehren und auf die internationalen Geldgeber zugehen. Dafür spricht derzeit leider nicht viel.

Wenn aber Griechenland bewusst gegen die Wand läuft, wenn Athen, EU, IWF und EZB keine tragfähige Lösung mehr finden, dann wackelt die Weltwirtschaft. Selbst die klügsten Ökonomie-Professoren räumen ein, dass die Auswirkungen einer Staatspleite, eines Austritts aus der Euro-Zone und möglicherweise sogar aus der EU nicht seriös kalkulierbar sind.

In Gefahr ist jedoch weit mehr als die wirtschaftliche Entwicklung in unseren Breiten. Wenn die Verhandlungen mit den Griechen scheitern, dann scheitert Europa. Ausgerechnet im Konflikt mit dem Land der großen Denker, der Heimat von Pythagoras, Platon und Aristoteles, nähme die Idee der europäischen Einigung, die über sieben Jahrzehnte die Völker des Kontinents zusammengeführt hat, ernsthaft Schaden. Angela Merkel ist dies bewusst. Die Mission der überzeugten Europäerin macht das nicht leichter.

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Christian Longardt
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