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Christian Longardt zu Jan Böhmermann

Leitartikel Christian Longardt zu Jan Böhmermann

Jan Böhmermann ist ein außergewöhnlich talentierter, scharfzüngiger Fernsehmoderator. Er teilt knallhart aus, wohl wahr. Aber ist Böhmermann damit auch ein Künstler, ist sein derbes Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan also ein Werk, das von der Freiheit der Kunst gedeckt ist?

Um Meinungsfreiheit geht es jedenfalls nicht bei der Bewertung der respektlosen Verse des jungen Deutschen. „Sackdoof, feige und verklemmt“ – das sind noch die harmlosesten Beschimpfungen, die Böhmermann in seinen inzwischen vom ZDF aus der Mediathek gelöschten Reimen gegen Erdogan ausgestoßen hat. Zeile für Zeile unter der Gürtellinie. Daran ist nichts Meinung, es ist für sich genommen natürlich eine grobe Beleidigung des türkischen Präsidenten, die in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm nichts zu suchen hat – nichts zu suchen hätte, gäbe es nicht den besonderen Kontext. Den hat Böhmermann mit seiner besonderen Begabung, die Provokation auf die Spitze zu treiben, gezielt genutzt. Nun ist das Gedicht zur Staatsaffäre geworden – noch eine nach Böhmermanns intelligent-doppelbödiger Mittelfinger-Montage. Mehr Erfolg für einen Satiriker geht nicht.

Der Witz ist ja gerade, dass die pubertär daherkommenden Reime, die dem türkischen Staatsoberhaupt Geschlechtsverkehr mit Ziegen andichten, ausdrücklich aufzeigen sollten, wo auch in Deutschland Satire endet, wo juristisch das dünne Eis beginnt. Achtung, Schmähkritik – mit dieser Ankündigung entzieht sich Böhmermann mutmaßlich einer juristischen Bestrafung. Das ist tatsächlich Kunst.

So tumb die Parodie aber auf den ersten Blick erscheint: Politisch hat sie enorme Kraft entfaltet, weit mehr, als dies Satire gewöhnlich gelingt. Denn sie erwischt die Bundesregierung auf dem falschen Fuß.

Die hat es sträflich versäumt, der türkischen Kritik am vorausgegangenen, weit harmloseren „extra3“-Video einen deutlichen Hinweis auf die Werte und Grundrechte entgegenzusetzen, die in Westeuropa gelten. Hofnarr Böhmermann setzt noch einen obendrauf und hält der Kanzlerin so den Spiegel vor. Einer Angela Merkel, die den Ausweg aus der Flüchtlingskrise ausgerechnet in einem Pakt mit Präsident Erdogan sucht, der die Meinungs- und Pressefreiheit mit Füßen tritt. Der demonstrativ zeigt, was er von jenen EU-Werten hält, indem er eine regierungskritische Zeitungsredaktion von der Polizei besetzen und den neuen Chefredakteur von seiner Willkür-Justiz bestimmen lässt.

Merkels Flüchtlingsdeal mit der Türkei lässt sich mit kühlem Pragmatismus gut begründen. Auf die offenkundigen Widersprüche im Handeln der Kanzlerin aber hinzuweisen, die in der Asylfrage Humanität zu ihrem Markenzeichen machen wollte, ist geradezu die Pflicht der Satiriker – wenn sich in der Berliner Koalition schon niemand traut. Jan Böhmermann hat mit seinen ganz eigenen Mitteln einen Beitrag zu dieser wichtigen Debatte geliefert.

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Christian Longardt
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Foto: Nächster Satire-Schwung Richtung Türkei: Der Kabarettist Dieter Hallervorden stellt seinen Song "Erdogan, zeig' mich an" im Internet vor.

In der Debatte um Satirefreiheit greift der Kabarettist Dieter Hallervorden (80) den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in einem Lied an. In "Erdogan, zeig' mich an", das Hallervorden am späten Sonntagabend auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, heißt es etwa: "Ich sing' einfach, was du bist."

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