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Christian Longardt zum Gottesbezug

Leitartikel Christian Longardt zum Gottesbezug

Die Welt wird immer verrückter, schrecklicher, verwirrender. Viele sehnen sich nach Klarheit, nach Struktur, nach einfachen Lösungen für all die schwierigen Fragen, nach der Einordnung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Die Initiatoren der Pro-Gott-Bewegung in Schleswig-Holstein haben das Gegenteil im Sinn.

Die Ergänzung der Landesverfassung soll – oder muss man schon sagen: sollte? – die Begrenztheit des Menschen ausdrücken, der zwar eine Sonde zum Mars schicken kann, dem es aber nicht gelingen will, Frieden zu halten, den Terror zu stoppen, Hunger zu verhindern.

Sehr lange, sehr intensive Gespräche gingen dem Antrag voraus, der den Wunsch von 42000 Bürgerinnen und Bürgern in Worte fassen sollte und jetzt hauchdünn die nötige Mehrheit verpasste. Die Debatte wurde mit viel Respekt geführt, man reichte sich über alle Fraktionsgrenzen die Hand. Eine schöne, eine wertvolle Erfahrung. Eine beklemmend aktuelle Diskussion. Am Ende aber blieb alles beim Alten.

Dabei hatten die Abgeordneten so lange verhandelt und die Worte so lange gedreht und gewendet, bis sich manches Kirchenmitglied fragte, wo denn der Hinweis auf die christliche Prägung und Kultur unseres Landes noch zu finden sei. Die Verfassung schöpfe „aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas und aus den Werten, die sich aus dem Glauben an Gott oder aus anderen Quellen ergeben“, hieß es in der maximal offenen Formulierung, der schließlich die eine Stimme fehlte. „Andere Quellen“, damit könne ja auch die Altenburger Skatordnung gemeint sein, kritisierte ein Kieler Uni-Professor im Vorfeld. Das war polemisch, aber nicht ganz falsch. Dass sich die Bischöfe schon mit diesem Minimalkonsens zufrieden gaben, zeigt den Bedeutungsverlust der Kirche in unserer modernen Gesellschaft.

Doch selbst ein derart relativierter Gottesbegriff stand im Parlament nicht durch. Das ist zu akzeptieren und taugt nicht für Vorwürfe. Wie hältst du’s mit der Religion? – bei dieser Frage gibt es kein Richtig, kein Falsch. Sollte es einen Volksentscheid geben, wird sich zeigen, wie wichtig die Sache den Menschen wirklich ist. In jedem Fall bleibt Peter Harry Carstensen und all den anderen dieser Trost: Seit 1949 steht „die Verantwortung vor Gott“ in der Präambel des Grundgesetzes. Altmodisch und unverrückbar.

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Christian Longardt
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Landtagsbeschluss
Foto: Die schleswig-holsteinische Landesverfassung stellt auch in Zukunft keinen Bezug zu Gott her. Zwei Anträge für eine Gottesformel verfehlten am Freitag im Landtag die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit.

Hochspannung im Landtag um ein paar Worte. Diese hatten es allerdings in sich: Soll die Landesverfassung eine Gottesformel bekommen? Nein, entscheidet das Parlament in einer hauchdünnen Abstimmung. Der Gottesbezug bekam zwar eine klare Mehrheit, aber eine Stimme fehlte.

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