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Christian Longardt zur Heim-Affäre

Leitartikel Christian Longardt zur Heim-Affäre

Was der heute 18-jährige Marco in seinem Jugendheim erlitten hat, ist tieftraurig. Ein Albtraum. Eine Geschichte, die nach all dem Schlimmen, das im Zuge der Friesenhof-Affäre schon ans Tageslicht kam, nun wirklich niemand mehr gebraucht hätte. Am wenigsten Kristin Alheit, die Sozialministerin, die seit Wochen mit dem Rücken zur Wand steht.

Der arme Marco, die armen anderen Jugendlichen, die das durchmachen mussten: nachts in Unterhose aus dem Bett gescheucht und auf dem Hof im Kreis gelaufen. Mit nacktem Oberkörper über Tannenzapfen gerobbt. Steine im Rucksack den Berg hoch geschleppt. Mit Schmutzwasser geduscht. Meine Güte, das klingt nach russischem Gulag, nach Solschenizyns „Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Aber nicht nach dem Erziehungsalltag in einem schleswig-holsteinischen Jugendheim des 21. Jahrhunderts.

Kristin Alheits Ministerium antwortete am Montag geschäftsmäßig, bestimmte Aussagen deckten sich mit den Erkenntnissen der Behörde, man habe das betreffende Heim in der Folge verschärft beobachtet und Konsequenzen gezogen. Welche genau, blieb offen. Dabei wüsste die Öffentlichkeit gern, ob die „Sozialpädagogen“, die Heranwachsende so gequält und gedemütigt haben, denn zur Verantwortung gezogen wurden – oder ob sie etwa immer noch im Dienst sind. Ob es wirklich reicht, vom Betreiber ein neues Konzept zu verlangen. Und warum das Land gestrauchelte Jugendliche weiterhin von einer Einrichtung betreuen lässt, die diese üblen Methoden im pädagogischen Repertoire hatte.

Dass sie auf Klärung dieser Fragen drängen, dürfte der Bürger von den gewählten Parlamentariern erwarten, und zwar ganz unabhängig vom Parteibuch. Stattdessen ist auch in der Heim-Affäre der übliche ritualisierte Schlagabtausch entlang der Freund-Feind-Linie zu erleben. Bemerkenswert, wie kalt Sozialpolitiker werden können, wenn es um die eigenen Farben geht. Da unterstellt Flemming Meyer (SSW/Regierungspartei) dem engagierten Kollegen Wolfgang Dudda (Piraten/Opposition) ernsthaft, er wolle sich „auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen“ profilieren. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Dudda setzt sich für junge Menschen ein, das verdient Respekt.

Keine Überraschung, dass sich die SPD vor beziehungsweise hinter Genossin Alheit stellt, ein Akt der Solidarität mit der Ministerin. Um sie persönlich geht es aber gar nicht. Es geht in Wahrheit um ein zentrales Anliegen gerade sozialdemokratischer Politik, sozusagen um den Markenkern dieser Partei: um die Frage, wie eine gerechte, eine menschliche Gesellschaft organisiert werden kann. Im konkreten Fall: Wie die inhumane Behandlung von Kindern und Jugendlichen verhindert wird, die der Staat in Obhut genommen hat. Man sei die Gerechtigkeitspartei, hat Landeschef Ralf Stegner gerade verkündet. Mit Verlaub: Wie die SPD in dieser Angelegenheit agiert, ist ziemlich selbstgerecht.

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Christian Longardt
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Heim-Affäre
Foto: Ralf Stegner (Foto) und Wolfgang Baasch räumten ein, dass in einigen Heimen „haarsträubende erzieherische Methoden und entwürdigende Behandlungen“ herrschten.

Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner und der sozialpolitische Fraktionssprecher Wolfgang Baasch haben sich am Dienstag in Sachen Heimerziehung selbst auf die Schulter geklopft. CDU und FDP reagierten wenig erfreut.

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