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Christian Longardt zur Rettungsaktion der "Werra"

Leitartikel Christian Longardt zur Rettungsaktion der "Werra"

Vor wenigen Tagen lud man im Tirpitzhafen noch Windeln und Kuscheltiere, Wolldecken und Nahrungsmittel auf die Decks der „Werra“, Vorbereitung auf die Mission im Mittelmeer. Dort kam der Ernstfall schneller als gedacht: Mehr als 600 Flüchtlinge, vorwiegend aus Eritrea und dem Sudan, drängten sich am Dienstag plötzlich auf dem Kieler Tender. Viele Kinder, viele Frauen. Sehr viel Not. Und sehr viel Dankbarkeit für die Hilfe unserer Marine.

Zu Tausenden wagen die Eritreer die riskante Fahrt übers Meer, weil sie vor Armut, Unterdrückung und Gewalt in ihrem diktatorisch regierten Land fliehen. Nach Zählung der Vereinten Nationen stellten sie im vergangenen Jahr die zweitgrößte Gruppe der Bootsflüchtlinge, hinter den Syrern. Außer Frage steht auch die Not der Sudanesen: In ihrer Heimat herrscht seit Jahren ein ebenso schmutziger wie blutiger Krieg, die Uno spricht längst von einer der größten humanitären Katastrophen dieser Erde. Sudan, Syrien, Eritrea – dass Flüchtlinge aus diesen Ländern unseren Schutz brauchen, wird kein zivilisierter Mitteleuropäer bestreiten. Die dramatischen Bilder von der „Werra“ haben dies nachdrücklich unterstrichen. Die Zahlen ebenso: 1700 gerettete Bootsflüchtlinge binnen vier Tagen, dies allein durch zwei deutsche Schiffe! Das Elend auf den maroden Kähnen der Schlepper mag derzeit von den meisten Titelseiten verschwunden sein, das Problem aber ist drängender denn je.

Dass die EU-Staaten dennoch weiterhin um die Aufnahme dieser Menschen wie auf einem Basar feilschen, ist unwürdig und beschämend. Appelle, die Mittelmeer-Staaten Italien, Griechenland oder Malta mit der Last nicht allein zu lassen, gehen weiterhin ins Leere. Europas viel beschworene Solidarität verkommt da zur hohlen Phrase. Eine quotierte Aufnahmeverpflichtung kam gestern in Brüssel wieder nicht zustande. Deutschland zählt auch künftig zu den Ländern, die ihrer Verantwortung gerecht werden – andere Partner ducken sich ungestraft weg. EU-Ratspräsident Donald Tusk nennt dieses Verhalten beim Namen: Das ist Heuchelei!

Wie Schleswig-Holsteins Landesregierung mit dem Thema umgeht, ist unterm Strich vorbildlich. Der von Ministerpräsident Torsten Albig einberufene Flüchtlingsgipfel war Ausdruck des ernsthaften und ehrlichen Bemühens, diese gewaltige Herausforderung mit allen verfügbaren Mitteln zu schultern.

Zur Ehrlichkeit, die von verantwortlichen Politikern erwartet werden muss, gehört jedoch auch, bei den Asylbewerbern genauer hinzuschauen und zu differenzieren, ohne zu diffamieren. So wurden in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr allein aus Serbien mehr als 800 Flüchtlinge gezählt. Migranten aus dem Balkan gehören aber in der Regel nicht zu den Personen, die bei uns hinreichende Asylgründe vorbringen können.

Schnellere Asylverfahren und damit verbunden auch eine schnellere Abschiebung dieser Menschen wären wichtige Schritte, um die gewaltige Belastung des Landes und der Kommunen spürbar zu verringern.

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Christian Longardt
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Kiel
Foto: Soldaten des 5. Minensuchgeschwaders schicken die Kartons mit gespendeten Stofftieren aus Kiel jetzt vom Heimathafen Kiel aus nach Italien, wo sie für kommende Rettungsaktionen an Bord des Tenders „Werra“ gebracht werden.

Im Nachschublager des 5. Minensuchgeschwaders im Marinestützpunkt Kiel stapeln sich Kartons mit Ausrüstung. Doch nicht alles trägt eine militärische Versorgungsnummer. Etliche Kartons sind gefüllt mit einem absolut unüblichen militärischen Verbrauchsgut. Sie enthalten Hasen, Bären, Kaninchen oder Spieluhren in Sonnenform: Es sind Kuscheltiere für den Einsatz des Tenders „Werra“ im Mittelmeer.

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