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Gerhard Müller zu sportlichen Großprojekten

Leitartikel Gerhard Müller zu sportlichen Großprojekten

Die olympische Frage haben die Hamburger am Sonntag beantwortet. Schaffen wir das 2024? 335638 Hanseaten fanden: nein. Nun stellt sich die Frage, was Deutschland überhaupt noch schafft. Zumindest wenn es um Großprojekte geht, verheißt die Spurensuche nichts Gutes.

Flughafen Berlin-Brandenburg? Eine unendliche Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen. Stuttgart 21? Die ursprünglich geplanten Kosten für den tiefer gelegten Bahnhof von knapp 2,5 Milliarden Euro haben sich schon mehr als verdoppelt. Richtig unterirdisch wird’s jedoch bei der Elbphilharmonie. Mit 77 Millionen Euro war der Musiktempel veranschlagt, mittlerweile sind es rund 790 Millionen. Ähnlich galoppierte der Einweihungstermin davon: Statt 2010 soll der Weltklasse-Konzertsaal, so bescheiden steht es auf der Homepage, nun am 11. oder 12. Januar 2017 seine Premiere feiern. Nun gut, auf den einen Tag kommt es auch nicht mehr an.

Diese drei Klassiker deutscher Fehlplanung kommen nicht nur den Steuerzahler teuer zu stehen, sie haben einen unschönen Effekt, der gar nicht in Euro zu bemessen ist: Parallel zur Kostenexplosion implodierte das Vertrauen der Bürger in die Politik und die politischen Institutionen. Das allerdings ist kein deutsches Phänomen. Eine Umfrage in sechs europäischen Staaten ergab zu Beginn dieses Jahres, dass nur Minderheiten zwischen elf Prozent (Italien) und 23 Prozent (Frankreich) meinen, der Euro bringe Vorteile. Die EU-Skepsis vieler Menschen dürfte sich mit dem Strom der Flüchtlinge verstärkt haben, zweifellos nicht nur bei Pegida-Sympathisanten oder AfD-Anhängern. Der Glaube an die Wir-schaffen-das-Kanzlerin ist selbst in der CDU erschüttert.

Für das Scheitern der olympischen Idee in Hamburg mögen verschiedene Faktoren verantwortlich sein. Hohe Kosten, Flüchtlings-Problematik, korrupte Fußball-Funktionäre, Misstrauen gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee, dem ja auch schon Bayern und Norweger für Winterspiele die kalte Schulter zeigten. Vor allem aber ist die Entscheidung an der Elbe – und gerade dort – ein Indiz dafür, was die Bürger ihrer politischen Führung zutrauen. Offensichtlich nicht viel. Der Senat und seine olympischen Vorturner Olaf Scholz und Michael Neumann mühten sich in den vergangenen Wochen redlich, das Projekt 2024 als wohlkalkulierten Gegenentwurf zur Elbphilharmonie darzustellen. Vergeblich.

Nun kann man in einer parlamentarischen Demokratie darüber streiten, ob das Volk in diesen Fällen überhaupt befragt werden sollte. Politiker werden schließlich gewählt, um solche Entscheidungen zu treffen. Dennoch, Bürgerbegehren oder Volksentscheide sollten in jeder gut funktionierenden Demokratie fest verankert sein. Zum Problem für die Regierenden werden die Regierten ohnehin nur, wenn die Politik sich zu weit vom Volk entfernt hat. Das empfinden an der Elbe nicht nur Linke und Alternative, sondern Tausende gut informierte Bildungsbürger so. Menschen, auf die ein Satz des großen Hamburgers Helmut Schmidt nicht zutrifft: Sie bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt.

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