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Jörg Kallmeyer zum grölenden Mob in Heidenau

Leitartikel Jörg Kallmeyer zum grölenden Mob in Heidenau

Eine App für das Smartphone hilft Flüchtlingen seit kurzem dabei, sich besser in Deutschland zurechtzufinden. Entwickelt wurde der digitale Dienst in Dresden. Die sächsische Landeshauptstadt weist gern daraufhin – schließlich möchte sie weg vom schlechten Image, das sich jüngst durch die Pegida-Demonstrationen gebildet hat. Doch auch eine App hilft da nicht wirklich weiter.

Das zeigen die Szenen, die sich am Wochenende vor den Toren Dresdens abgespielt haben und die in Windeseile weltweit zum Sinnbild für das hässliche Deutschland geworden sind. Ein grölender Mob will in Heidenau verhindern, dass Flüchtlinge in einen leeren Baumarkt einziehen. Mit der Deutschlandfahne um den Hals, einer Bierflasche in der Hand und rechtsradikalen Parolen auf den Lippen. Wer sich dafür nicht schämt, muss schon gewaltig abgestumpft sein.

So tief ist der Graben in Deutschland also schon: Da sind auf der einen Seite die vielen stillen Helfer, die Flüchtlingen Fahrräder reparieren, sie zum Essen einladen oder ihnen Deutsch beibringen. Und da sind auf der anderen Seite jene oft lautstarken Protestler, die eine Überforderung des Landes sehen.

Der Gesprächsfaden zwischen beiden Gruppen ist längst abgerissen. Dass nun aber tatsächlich Demonstranten glauben, sie könnten Straßen blockieren, Steine schmeißen und Flüchtlinge mit Hassparolen empfangen, führt zu einer neuen Dimension in der Debatte: Diesen Leuten muss der Staat mit allen seinen Möglichkeiten entgegentreten. Sie gehören nicht anders behandelt als Hooligans.

Der entschlossene Auftritt des Staates ist das eine – vor allem Sachsen hat offensichtlich ein großes Problem im Umgang mit rechtsradikalen Umtrieben. Die Herausforderung von Heidenau geht jedoch weiter: Die Randalierer vor dem „Praktiker“-Markt sehen sich im Recht, weil sie eine schweigende Mehrheit hinter sich glauben. Es wird also höchste Zeit, dass auch die stillen Helfer einmal laut werden.

Es ist wohl doch ein Fehler, dass Deutschlands Künstler, Schriftsteller und Vordenker bei dem Thema fast durch die Bank schweigen. Ja, die Herausforderungen sind groß. Unser Land wird sich durch die Flüchtlinge verändern. Aber am Ende können wir es schaffen – zu dieser Botschaft ringt man sich auch in der Politik nur allzu gequält durch. Nicht etwa, weil die Spitzenleute nicht an ein gutes Ende glauben würden, sondern weil man den föderalen Verteilungskampf um Geld und Ressourcen in Deutschland nun einmal mit dem Beschreiben von Problemen gewinnt. Traurig, aber wahr.

Das Spiel ist jedes Mal gleich: Die Bundesländer fordern mehr Geld für die Flüchtlingsunterkünfte vom Bund, die Kommunen fordern mehr Geld vom Land – und der Bund verweist auf Europa. Für jede Ebene geht es darum, möglichst viel herauszuschlagen. Beim Publikum entsteht jedoch ein anderer Eindruck: Da ist ein Problem – und niemand bekommt es gelöst. Es ist also an der Zeit, das Gegenteil zu betonen – und zu beweisen.

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