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Jörn Genoux über den Acht-Stunden-Tag

Leitartikel Jörn Genoux über den Acht-Stunden-Tag

Über Jahrzehnte kämpften im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Vertreter der Arbeiterbewegung für den Acht-Stunden-Tag. Der Durchbruch kam erst Ende November 1918, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs mit dem sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen. Seither ist er gesetzlich festgeschrieben in Deutschland, allerdings sind immer wieder Ausnahmen zugelassen worden.

Derzeit sind Zehn-Stunden-Tage möglich, aber sie sollen die Ausnahme sein. Und bislang wurde am Acht-Stunden-Tag auch verhältnismäßig selten gerüttelt. Denn er entsprach lange Zeit den Bedürfnissen von Arbeitnehmern und Unternehmern in einer industrialisierten Gesellschaft.

Doch in den vergangenen 100 Jahren haben sich Wirtschaft und Gesellschaft radikal verändert. Unternehmen drängen auf eine Beschleunigung der Innovations- und Produktionsprozesse; die Digitalisierung hat diesen Trend in jüngster Zeit noch einmal deutlich verstärkt. Starre Acht-Stunden-Arbeitstage passen vielfach nicht mehr zu den Aufgaben in den Firmen. Insofern zielen die Arbeitgeber mit ihrem Vorstoß durchaus in die richtige Richtung. Und der reflexhafte Widerstand der Gewerkschaften ist in diesem Fall nicht unbedingt angebracht. Allerdings greift der Vorschlag der Arbeitgeber viel zu kurz: Denn eine feste Tagesarbeitszeit einfach nur durch eine Wochenarbeitszeit zu ersetzen, ist noch lange keine echte Flexibilisierung. Die Gewerkschaften hätten jetzt die Chance, in Gespräche über innovative Konzepte einzusteigen.

Denn bislang werden fast in der gesamten Arbeitswelt die gesicherten Erkenntnisse die Biologie und Medizin zu diesem Thema ausgeblendet. Viele Arbeitnehmer müssen unter „chronobiologisch unangemessenen“ Bedingungen tätig sein, stellt beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation fest. Sprich: Sie können nicht so arbeiten, wie es eigentlich ihrem biologischen Rhythmus entspräche; es geht am Arbeitsplatz meist um Leistung und Schnelligkeit, die ebenso notwendigen Erholungsphasen aber sind nicht möglich. Die Folgen sind bekannt und werden häufig unter dem Begriff Burnout zusammengefasst. Doch selbst wenn es nicht zu chronischer Erschöpfung und psychischen Gesundheitsstörungen kommt: Wer dauerhaft gegen den Rhythmus arbeitet, dessen Leistungsfähigkeit und Kreativität wird stark eingeschränkt.

Wer also ernsthaft über die Flexibilisierung der Arbeitszeit reden und nachhaltige Verbesserungen für alle Beteiligten erreichen will, der darf nicht nur über acht Stunden pro Tag oder Wochenarbeitszeiten reden. Es wäre statt dessen höchste Zeit, dass Tarifpartner und vielleicht auch die Politik kreative Ideen entwickeln, wie die Erkenntnisse der Wissenschaft im Arbeitsalltag erfolgreich umgesetzt werden können. Die Digitalisierung der Arbeitswelt schafft flexiblere Arbeitsformen. Und es liegt daher nahe, dass sich künftig die Arbeitsbedingungen stärker an den biologischen Voraussetzungen der Menschen orientieren.

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Foto:  Klammern wir uns an den Acht-Stunden-Tag wie der US-Stummfilmstar Harold Lloyd an den Uhrzeiger in der berühmten Filmszene aus „Safety Last“? In vielen Bereichen sind flexible Regelungen schon an der Tagesordnung.

Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung: Eine der ältesten Forderungen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung steht in Deutschland auf dem Prüfstand – der Acht-Stunden-Tag.

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