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Jürgen Küppers zur AfD und dem Islam

Leitartikel Jürgen Küppers zur AfD und dem Islam

Sehr geehrte Beatrix von Storch, ab übermorgen schallt hier in Kiel jeweils freitags zur Mittagszeit ein Gebetsruf von einem Minarett – es ist schon das zweite in der Stadt. Das wird Ihnen wahrscheinlich nicht gefallen. 

Denn als Vize-Vorsitzende der AfD lehnen Sie ja im Programmentwurf Ihrer Partei unter anderem Minarette und Muezzinrufe kategorisch ab.

 Beides stehe „im Widerspruch zu einem toleranten Nebeneinander der Religionen, das die christlichen Kirchen der Moderne praktizieren“. Einmal abgesehen von der Tatsache, das eine der ältesten Moscheen in Deutschland inklusive Minarette schon seit 1927 in Berlin-Wilmersdorf steht, könnten Sie gerade hier in Kiel das tolerante Miteinander von Kulturen und Religionen besichtigen.

 Hier leben Menschen aus rund 150 Nationen, natürlich nicht immer ohne Konflikte. Aber in aller Regel ohne religiös begründete. Hier entstand quasi aus dem Nichts die größte Bürgerinitiative der Stadt. Spontan halfen hunderte Kieler monatelang, als Flüchtlinge Essen, Kleidung und Schlafplätze brauchten. Hier bleiben die meisten Nachbarn gelassen angesichts des neuen Minaretts. Wohl auch, weil der Kieler Moscheeverein Mäßigung bewies – und die Höhe des Minaretts auf 24 Meter reduzierte, den Muezzin-Ruf auf ein Mal pro Woche begrenzte. Das orientalische Bauwerk sollte eben ganz bewusst nicht das sein, was Sie Minaretten offenbar generell unterstellen: Macht- und Herrschaftsanspruch des Islam zu symbolisieren.

 Trotzdem gibt es natürlich auch in dieser Stadt kritische Stimmen. Sie fragen zum Beispiel: Reichen Moscheen als Orte freier Religionsausübung nicht aus? Warum noch diese oft weithin sichtbaren architektonischen Symbole des Islam? Mit welchem Recht beanspruchen Türkische Gemeinden den Bau von Moscheen, während die 100000 in der Türkei lebenden Christen nach wie vor mit massiven Einschränkungen zu kämpfen haben? So sind Kirchtürme im türkischen „Stadtplanungsgesetz“ nicht vorgesehen, die orthodoxe Kirche darf keine Priester in der Türkei ausbilden, ausländische Kleriker erhalten nur selten eine Arbeitserlaubnis, Angehörige christlicher Minderheiten in der Türkei wurden Opfer religiös motivierter Gewalttaten.

 Dazu wird auf allen politischen Ebenen bis hin zu unserer lokalen noch viel zu (er)klären sein. Mit Ihrem Programmentwurf wollen Sie aber keinen kritischen Diskurs darüber, so nötig er auch ist. Sie instrumentalisieren den Terror von Brüssel und Paris. Sie dämonisieren den kompletten Islam. Sie nehmen ihn in Geiselhaft, weil Sie sich davon für die AfD politischen Gewinn versprechen.

 Laut Forsa-Umfrage dieser Zeitung mit vergleichsweise moderaten neun Prozent Wählerzustimmung ist die AfD in Schleswig-Holstein noch kein politisches Schwergewicht. Und wird es – vielleicht gerade Ihres neuen Kurses wegen – auch künftig nicht sein. Hoffentlich.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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Islam in Kiel
Foto: Der Blick auf das Minarett an der Großen Moschee in Kiel-Gaarden, Werftstraße/Elisabethstraße, ist frei, der Bau ist fast fertiggestellt.

Wer im Stadtteil Gaarden zum neuen Minarett – dem zweiten in Kiel – gefragt wird, bezieht sich oft nicht auf dessen religiöse Bedeutung, sondern schlicht darauf, wie es aussieht. Zum Aufreger taugt das Bauwerk, das am Freitag um 10.30 Uhr offiziell eingeweiht wird, nicht.

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