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Marco Fenske zur Gewalt im Fußball

Leitartikel Marco Fenske zur Gewalt im Fußball

In was für einer Gesellschaft leben wir, in der Menschen denken, ein Fußballstadion sei ein rechtsfreier Raum? Das DFB-Pokalspiel zwischen dem VfL Osnabrück und RB Leipzig musste abgebrochen werden, nachdem der Schiedsrichter von einem Feuerzeug am Kopf getroffen worden war. Am Tag zuvor wurde der Mannschaftsbus von Hertha BSC Berlin mit einer Pistole beschossen – und es glich einem Wunder, dass niemand verletzt wurde. Der Lübecker Stürmer Christopher Kramer wurde in Kiel womöglich von Holstein-Fans attackiert, und zwischen den Plöner Kreisligisten Wentorf und Lütjenburg sorgt eine skurrile Aufkleber-Affäre für Aufregung.

Einzelfälle? Mitnichten. Eklats wie diese gibt es immer und immer wieder: in Amateurligen, auf der großen deutschen Fußballbühne, im europäischen Spitzenfußball.

In zwei Tagen beginnt die 53. Saison der Fußball-Bundesliga. Das ist die Liga, die (zu Recht) nicht müde wird, damit zu prahlen, dass sie weltweit die tollsten Stadien hat, die gesündesten Klubs, die beste sportliche Perspektive, was alles stimmt. Erst am Dienstag veröffentlichte die renommierte Unternehmensberatungsagentur McKinsey eine Analyse mit dem Ergebnis: Die Wertschöpfung des professionellen Fußballs in Deutschland betrug im vergangenen Jahr 7,9 Milliarden Euro.

Was der deutsche Fußball jedoch auch hat, ist ein Gewaltproblem. Wochenende für Wochenende verabreden sich „Fans“ gezielt zu Schlägereien, von einer Hemmschwelle kann mittlerweile keine Rede mehr sein. Was kaum einer weiß: Zuletzt etwa tauchte in Chemnitz ein Graffiti auf mit der Aufschrift „2.8. Wann? Wo? Wie viele?“ Davor kniete ein maskierter Mann – das Bild wurde einer Gruppierung in Dortmund geschickt, dem nächsten Gegner.

Wann, wo, wie viele – das sind leider immer wieder die drei Fragen, um die sich für Idioten (pardon!), die an schönem Fußball so viel Interesse haben wie die Terrormiliz Islamischer Staat am Weltfrieden, alles dreht.

Doch wie bekommt man das Problem in den Griff? Stadionverbote, Haftstrafen, Geldstrafen sind richtige und wichtige Maßnahmen, die bereits angewendet werden. Ein Allheilmittel sind sie nicht. In der Schweiz greifen die Vereine neuerdings mit Stadionverboten rigoroser durch als je zuvor. Mit dem Ergebnis, dass die Randalierer zum Eishockey gehen oder in die unteren Ligen, um Aggressionen auszuleben.

Nein, dieses Gewalt-Problem lässt sich nicht auf den Fußball reduzieren. Es ist ein Gesellschaftsproblem. „Es laufen im allgemeinen Leben so viele schlimme Typen herum, warum sollten ausgerechnet die unsere Stadien meiden“, hat unser Kolumnist Hans Meyer gesagt.

Die Erkenntnis, dagegen trotz aller Maßnahmen und aller Rigorosität macht- und hilflos zu sein, macht nachdenklich. Und traurig.

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