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Marina Kormbaki zu Griechenland und der Flüchtlingskrise

Leitartikel Marina Kormbaki zu Griechenland und der Flüchtlingskrise

Die griechische Kultur ist wahrlich reich an Dramen. Die Stücke der Alten Griechen werden noch immer vielfach aufgeführt, in Griechenland und anderswo. Doch kein Regisseur würde je auf die Idee kommen, die „Antigone“, den „Ödipus“ und die „Elektra“ zur selben Zeit am selben Ort zu zeigen.

So viel Trauer, Leid und Durcheinander hielte ja kein Theaterpublikum aus. Die Wirklichkeit aber schert sich nicht um Befindlichkeiten. Sie bringt zurzeit im äußersten Südosten Europas Drama um Drama auf die Bühne, Krise um Krise, und die Menschen in Griechenland sitzen nicht im Publikum – sie sind die Hauptakteure, sie stecken mittendrin.

In Athen beschließt das Parlament Gesetze, in deren Folge weitere Menschen ihre Arbeit verlieren und in die Armut rutschen werden. Die Regierung wird darüber wohl zerbrechen, von Neuwahlen ist die Rede. Einige Hundert Kilometer östlich, auf den Inseln der Ägäis, harren derweil Tausende Syrer und Iraker aus; Flüchtlinge, die darauf warten, dass sich auf den Fähren der Touristen auch ein Platz für sie findet, damit sie aufs Festland gelangen, und von dort bloß raus aus Griechenland.

Schuldenkrise und Flüchtlingskrise, das seien doch zwei Paar Schuhe, meinen nun manche und mahnen die Griechen abermals zu strengem Sparen – erwarten von ihnen zugleich aber mehr Fürsorge gegenüber den Flüchtlingen, weil die Bilder aus Kos so unerträglich seien. Ja, das sind sie. Doch die Überforderung der griechischen Behörden ist auch ein Beleg dafür, dass eine Gliederung der Krise in Kategorien nur von fern möglich ist. Vor Ort ist so viel Spitzfindigkeit sinnlos. Von einem Staat auf Sparflamme sind keine Heldentaten zu erwarten. Griechenland braucht Hilfe. Und das meint nicht die „Hilfskredite“ der internationalen Geldgeber, die zur Folge haben, dass Athen immerzu neue Schulden aufnimmt, um alte zu bedienen. Es braucht Solidarität, die im Alltag jener Griechen spürbar ist, die in den vergangenen Jahren viel verloren haben; die bei der Ankunft der Migranten sichtbar ist, die nichts mehr zu verlieren haben.

Europas Politikern scheint nun aufzufallen, dass es seltsam wirkt, vielleicht auch zynisch, in Brüssel über Kommastellen in griechischen Finanzplanungen zu streiten – über fiktive Hoffnungswerte also –, während allein im Juli 50000 Flüchtlinge Griechenland erreicht haben. Nur wenige Stunden vor dem gestrigen Treffen der Euro-Finanzminister ist der griechische EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos vor die Presse getreten und hat einen wahren Satz gesprochen: „Das Flüchtlingsproblem ist kein griechisches Problem – es ist ein europäisches Problem.“ Endlich rafft sich die EU-Kommission dazu auf, den Griechen mit Geld, Ausrüstung und Personal bei der Versorgung der Schutzsuchenden zu helfen. Es geht schließlich um Menschenleben. Und es geht um Europas Achtung vor sich selbst.

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