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Martin Gehlen zum Atomvertrag mit dem Iran

Leitartikel Martin Gehlen zum Atomvertrag mit dem Iran

Der Atomvertrag mit dem Iran hat das Zeug zu einer historischen Wende. Er wird das Gesicht der Welt verändern genauso wie die Züge des Nahen Ostens und das Leben der Islamischen Republik.

Nach Jahrzehnten erstarrter Dauerfeindschaft könnten Washington und Teheran jetzt wieder zu globalen Partnern werden – nicht nur in Afghanistan, auch im Kampf gegen den Islamischen Staat und bei der Beendigung des Syrienkrieges. Im Nahen Osten, der eine kollektive Destabilisierung der arabischen Staatenwelt erlebt, könnte dem Iran neben der zweiten noch intakten Regionalmacht Türkei wieder eine tragende Rolle zufallen. Seine Rückkehr auf die internationale Bühne aber wird auch die Islamische Republik verändern. Mit seinen 15 Jahren Laufzeit schiebt das Wiener Abkommen nicht nur das Atomdossier der nächsten Generation zu, sondern auch die Entscheidung über den künftigen Platz des schiitischen Gottesstaates auf dem Globus.

Noch hat die betagte Gründergeneration der Islamischen Republik das Heft fest in der Hand. Ihre Tage aber sind gezählt, bis sie das Ruder endgültig dem Nachwuchs überlassen müssen, der Ayatollah Chomeini nur noch vom Hörensagen kennt. Ob die bisherige Bilanz die politischen Erben überzeugt, daran gibt es berechtigte Zweifel. Denn die Staatsgründer haben die iranischen Ressourcen im Kampf um die dubiosen Nuklearwindmühlen in unfassbarer Weise vergeudet. Ihre Nachkommen traktierten sie durch engstirnige religiös-ideologische Gängelei und erdrückende Arbeitslosigkeit. Kein Wunder, dass die Jungen in Zukunft vor allem eins wollen – freier und besser leben in einem Vaterland, das mit den reichsten Bodenschätzen der Welt gesegnet ist.

Außenpolitik ist Innenpolitik, hatte Präsident Ruhani als Leitmotiv seiner Präsidentschaft ausgegeben. Nach einer Atomeinigung werde sich auch das gesellschaftliche Leben in dem Gottesstaat lockern lassen, so das Kalkül der moderaten Führung. Denn vor allem die jungen Leute leiden unter erdrückender Arbeitslosigkeit und haben die religiös-ideologische Gängelei satt. Kein Wunder, dass die konservativen Widersacher des Präsidenten in Justiz, Parlament und Revolutionären Garden bisher alles taten, um einen Atomkompromiss zu torpedieren und die ultraorthodoxe islamische Gesellschaftsmoral in ihrem Sinne festzuzurren. In Zeitungen der Hardliner wurde Chefunterhändler Mohammed Dschawad Sarif als „Schauspieler“ verunglimpft. Seit Jahresbeginn ließ die Justiz 206 Menschen hinrichten, auch politische Gefangene. Hunderte Studenten, Journalisten, Bürgerrechtler, Frauenrechtlerinnen, Künstler, Anwälte und Angehörige von ethnischen Minderheiten wurden festgenommen unter dem Vorwand, sie hätten „Propaganda gegen das System gemacht“. Die Mehrheit der Bevölkerung dagegen begrüßt das Ende des Atomkonflikts, der die iranische Wirtschaft vollends auf die Knie brachte. Hyperinflation, zweistellige Arbeitslosigkeit und Rezession lassen viele der 77 Millionen Bürger verzweifeln, von denen die Hälfte jünger als 30 Jahre ist

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