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Martina Drexler zu Kiels Olympia-Bewerbung

Leitartikel Martina Drexler zu Kiels Olympia-Bewerbung

Auch Städte sollten Träume und Visionen haben. Denn sie geben die Richtung vor, wohin eine Stadt mit Blick in die Zukunft und auf ihr eigenes Selbstverständnis steuern will. Die Kieler Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Ulf Kämpfer an der Spitze hat schon früh die Initiative ergriffen und gezeigt, dass sie Feuer und Flamme für Olympia 2024 ist.

Warum dies eine Riesen-Chance für Kiel sein könnte, beleuchtet der Blick zurück in die Geschichte: Die Stadt hat bereits 1972 erlebt, was es bedeutet, den Zuschlag für die Segelspiele zu erhalten. 500 Millionen Mark wurden in eine Modernisierung der Infrastruktur investiert, die bis heute die Grundlage für die Kieler-Woche-Regatten liefert und den Ruf der Welthauptstadt des Segelns begründete. Aber es war nicht nur das Geld, das damals die Bevölkerung begeisterte, es war vor allem die fröhliche, weltoffene Stimmung. Die Erinnerung an die Spiele in Kiel-Schilksee lebt bis heute in vielen Köpfen und Herzen der Älteren fort.

Aber eine Rückbesinnung auf einst schöne, aber längst vergangene Zeiten allein reicht nicht aus, um das Feuer für ein Olympia in der Zukunft zu entfachen. Die immer wieder vorgebrachten Bedenken der Gegner aus den Reihen der Linken und Piraten sind nur allzu verständlich: Gigantomanie, teure Olympiastadien, die verrotten, Skandale um Doping und Korruption, riesige Schuldenberge – auch solche Bilder von früheren Olympia-Austragungsorten drängen sich immer wieder auf. Sollte sich das verschuldete Kiel also Olympia leisten? Eindeutig Ja, aber nicht um jeden Preis.

Segelwettkämpfe können eine Stadt langfristig bereichern, wenn sich die finanzielle Belastung in Grenzen hält und das Konzept auf Nachhaltigkeit basiert. Vor diesem Hintergrund überzeugt die gestern vorgestellte Machbarkeitsstudie: Danach soll nur wenig, aber sinnvoll in die vorhandene Struktur Schilksees eingegriffen werden, um die notwendige Aufwertung als Segelstandort zu erzielen. Denn Schilksee ist in die Jahre gekommen, so dass Neubauten wie Hotel, Segelcampus und Olympisches Dorf sich in der Nachnutzung als Segen erweisen könnten. Auch ohne Olympia müsste die Stadt Geld dafür in die Hand nehmen.

Trotzdem: Die Bewerbung kostet die Stadt bereits jetzt mehr als eine Million Euro inklusive Bürgerentscheid. Ende September liegen belastbare Zahlen über die Kosten und Folgen wie etwa über Eingriffe in die Natur und diverse Einschränkungen für die Bürger vor. Das sind aber die entscheidenden Informationen, um das Für und Wider Olympia im Bürgerentscheid am 29. November ernsthaft abwägen zu können. Schon jetzt hat allein die Kampagne etwas Tolles erreicht: Selten waren das Wir-Gefühl und Selbstbewusstsein als Segelstandort und weltoffene Sportstadt so groß wie heute. Das zeigt, es lohnt sich zu träumen, auch wenn nicht jeder Traum in Erfüllung gehen muss.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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