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Martina Wengierek zum Jahr 25 der Einheit

Leitartikel Martina Wengierek zum Jahr 25 der Einheit

Am Seziertisch wird grell ausgeleuchtet. Im Fall Deutschlands tritt dabei zunächst wenig Überraschendes zutage: Ja, die Leitbilder der Vorwendezeit wirken immer noch stark nach, etwa bei der Kinderbetreuung oder der Religiosität. Im Westen ist die Produktivität höher, im Osten die Arbeitslosigkeit. Bei den Kinderzahlen, der Bildung oder den Umweltbedingungen ist die Teilung dagegen verschwunden.

 Andererseits gibt es in den neuen Bundesländern geringere Löhne, günstigere Immobilien, stärkere Landflucht: Die Unterschiede zwischen Ost und West sind auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung noch sichtbar, ergab die jüngste wissenschaftliche Inspektion. Und: Zu einer flächendeckenden Angleichung zwischen Ost und West wird es wohl auch nie kommen – eine Feststellung, die enttäuschen mag, aber trotzdem nicht zum Klageruf taugt.

Mit Schaffung einer nationalen Einheit lässt sich eben keine Homogenität verordnen. Ein Prozess der Annäherung gelingt auch zwischen Bayern und dem „Norden“ nur bedingt, und die materiellen Lebensverhältnisse sind auch innerhalb der alten Bundesländer höchst unterschiedlich.

Viel beunruhigender ist, dass in vielen Köpfen eine neue Mauer der anderen Art wächst. Bei der Zuwanderung bleibt Deutschland nämlich ebenfalls gespalten – und die Unterschiede werden nach Erkenntnis der Wissenschaftler sogar größer. Die Integrationsbereitschaft wird im Osten wesentlich geringer eingestuft, rechtsextreme Meinungen kämen dort öfter vor. Habe sich die Willkommenskultur beider Landesteile 2012 kaum unterschieden, sage heute nur jeder zweite Ostdeutsche, Zuwanderer seien willkommen. Im Westen sind es zwei Drittel, heißt es – Zeit für eine Schrecksekunde am Seziertisch.

Denn was hier schief läuft, darf nicht mit Verweis auf unterschiedliche Mentalitäten abgetan werden. Hier bricht sich womöglich etwas ganz anderes Bahn: Die lange unterschätzte Asymmetrie in der Relevanz der Biographien, nach Einschätzung von Experten die möglicherweise nachhaltigste psychologische Folge der Einheitswerdung. Die „Ossis“ mussten ein für sie völlig neues politisches und soziales System erlernen, für die „Wessis“ änderte sich vordergründig nichts. Heute registrieren viele Ostdeutsche, dass sich die Westdeutschen kaum mehr für sie interessieren als für andere Zuwanderer. Deren Schicksale aber stehen im Scheinwerferlicht intensiver Integrationsdebatten.

Wir brauchen mehr qualitative Reflexion der gesellschaftlichen Probleme. Die deutsche Einheit kann kein Selbstzweck sein. Wir selbst, die Bürger, sollten sie gemeinsam weiterentwickeln, ohne uns reflexartig in ökonomischen oder infrastrukturellen Gleichschrittdebatten zu verkämpfen.

Statistik ist gut, Erinnerungskultur auch. Aber wir müssen die Zukunft gestalten. Unsere gemeinsame Zukunft. Das wichtigste Instrument dafür gibt es seit 25 Jahren – übrigens für alle: Freiheit. Schade, dass davon am Seziertisch nicht die Rede war.

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Ein Artikel von
Martina Wengierek
Nachrichtenredaktion

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