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Matthias Koch zur Griechenland-Rettungsaktion

Leitartikel Matthias Koch zur Griechenland-Rettungsaktion

Premier Alexis Tsipras hat Griechenland an den Abgrund gefahren, sogar noch ein Stück darüber hinaus. Die vorderen Räder rotieren jetzt in der Luft, wie beim zerbeulten, staubigen Fluchtwagen in der klassischen „Cliffhanger-“Szene im Film.

Was nun? Man kennt das oberste Gebot in solcher Lage: Erst mal alle hektischen Bewegungen vermeiden. Emotionale Aufwallungen hat es genug gegeben. Vielleicht musste ja auch alles mal raus. Das wütende Nein der Griechen beim Referendum. Die düsteren Drohungen der Geldgeber mit Bankenzusammenbrüchen. Die Gegendrohungen aus Athen mit Chaos und Aufstand.

Tsipras wollte ein neues Kapitel aufschlagen. Politik, klarer Fall, braucht eine Utopie. Aber sie braucht auch Realismus in der Frage, welche Wege tatsächlich zum Ziel führen. Politiker sollten versuchen, die Realität zu verändern. Sie sollten aber nicht versuchen, aus der Realität zu fliehen. Genau darin lag der Fehler von Tsipras. Er und sein mittlerweile zurückgetretener Finanzminister Gianis Varoufakis haben seit ihrem Amtsantritt nichts anderes in Gang gebracht als eine heillose Irrfahrt.

Einen Moment des unfreiwilligen Innehaltens brachte dem Land die Schließung der Banken, indirekt veranlasst von der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Wer auf sein griechisches Konto zugreifen wollte, bekam auf Bildschirmen zwar noch Zahlen zu sehen, aber kein Geld mehr in die Hand. Die Banken sind seit dem 29. Juni geschlossen, Automaten spucken höchstens 60 Euro aus. Nachdenkliche Blicke fielen seither auf Tsipras: Wo will er jetzt hin? Da hing der Wagen schon auf der Klippe.

Kanzlerin Angela Merkel hielt sich zurück, aus gutem Grund. Auf keinen Fall wollte sie das Missverständnis aufkommen lassen, sie verpasse den Griechen jetzt einen Tritt von hinten. Sorgsam hat sie registriert, dass die Anti-Merkel-Kampagnen in Griechenland gerade verklingen. Sie will künftig mehr Einfluss gewinnen in der Region, auch in Serbien, wo sie diese Woche zu Gast war. Da hilft es, nicht mehr allzu hart und streng zu erscheinen.

Andererseits will Merkel auch nicht als die zentrale Retterin der Griechen auf die Bühne treten. Sie nimmt Rücksicht auf die Wut in ihrer Union über Tsipras, den „Erpresser und Volksbelüger“, wie es der CSU-Generalsekretär formuliert. Also stellt sie in aller Stille mit Paris und Brüssel die Weichen für eine europäische Lösung.

Allen Wirrungen zum Trotz ist jetzt eine kluge Rettungsaktion fällig. Europa kann Griechenland ans Seil legen und in Sicherheit bringen. Umschuldungsmodelle können helfen, die Gewichte sinnvoll neu zu verteilen: Die langfristige Gesundung Griechenlands ist wichtiger als die kurzfristige Haushaltssanierung. Das Land braucht eine ökonomische Perspektive. Will es endlich ins Solarzeitalter starten? Kann es gar zum Florida Europas werden, mit qualifizierten Angeboten im Pflegesektor? Griechenland braucht neue Ideen. Aber es braucht, nachdem es runter ist von der Klippe, keine neue Irrfahrt.

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