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Patrick Tiede zur Kostenlos-Kita

Leitartikel Patrick Tiede zur Kostenlos-Kita

Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Und Schleswig-Holstein hat da deutlich Luft nach oben: Die Zahl der Kita-Plätze ist noch immer zu gering, der Betreuungsschlüssel schlecht, die Gebühren zu hoch.

Wer hierzulande nicht über eine gewisse finanzielle Saturiertheit verfügt oder aber stur am tradierten Familienbild festhält, wonach der Nachwuchs möglichst lange aus „staatlichen Erziehungsanstalten“ fernzuhalten sei, der hat ein Problem: Kinder erhalten nicht die Förderung, die dringend nötig wäre. Eltern ergreifen nicht die beruflichen Chancen, die sich ihnen bieten. Und der demografische Wandel setzt sich fort. Unter diesen Voraussetzungen jetzt auch noch ein Kind kriegen? Besser nicht. Vielleicht ja später.

Die Politik hat das Problem erkannt und sie handelt auch. Nicht alles führt dabei in die gleiche, aber vieles doch in die richtige Richtung: Der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz zum Beispiel. Elterngeld und Elternzeit. Oder Sozialstaffeln, die die finanziellen Lasten mehr oder weniger angemessen verteilen. Das beitragsfreie Kita-Jahr ist auch so ein Instrument der Familienförderung und es ist beileibe kein schlechtes: Hier werden Familien ganz direkt finanziell entlastet. Gerade für junge Eltern, die aus sehr unterschiedlichen Gründen knapp bei Kasse sind, ist das oft ein entscheidendes Argument, um dem Nachwuchs eine fachgerechte Betreuung zu ermöglichen.

Dass die rot-grün-blaue Koalition daher jetzt den Wiedereinstieg in die Kostenlos-Kita plant, ist eine Selbstverständlichkeit. Immerhin folgt man damit nicht nur dem Beispiel anderer Bundesländer, sondern orientiert sich auch an dem eigenen Koalitionsvertrag. Dass die Maßnahme in einem gewissen Zusammenhang mit der Landtagswahl 2017 steht, ist kein Zufall. Die SPD hofft und setzt auf die Stimmen der Eltern. Doch wirklich wichtig ist das nicht: Entscheidend ist, wo und wie die Kostenlos-Kita wirkt.

Und genau das ist umstritten. Um Müttern einen frühen Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen, müsste man im U3-Bereich ansetzen. Das aber wäre nur nachhaltig, wenn die Regelung über die nächsten Jahre weiterliefe – und das wird teuer. Auf der anderen Seite macht ein beitragsfreies Jahr im späten Elementarbereich Sinn, um eine möglichst gute Vorbereitung auf die Schule zu ermöglichen. Doch was wiederum nützt das, wenn das Kind vorher nie eine Kita von innen gesehen hat?

Wie man die Decke auch zurechtzuckelt, am Ende ist sie zu kurz. Die Kita-Politik in diesem Land ist über viele Jahre akut vernachlässigt worden. Sie ist finanziell weiterhin nicht ausreichend hinterlegt und strukturell schlecht organisiert. Die Standards sind vielerorts gesunken, es fehlt an Fachkräften, pädagogischen Konzepten insbesondere zur Inklusion und auch einer landesweit abgestimmten Sozialstaffel. Von Sozialministerin Kristin Alheit hat man auch in dieser Sache lange nichts gehört. Nicht zuletzt ihre Aufgabe wird es sein, eine populäre Wahlkampfmaßnahme substantiell zu hinterlegen. Daran wird sie sich messen lassen müssen.

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Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

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