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Ulrich Metschies zum Neustart von älteren Arbeitnehmern

Leitartikel Ulrich Metschies zum Neustart von älteren Arbeitnehmern

„Gehen Sie zurück auf Los!“ Bei Monopoly löst diese Anweisung selten Freude aus. Während die Konkurrenz immer weiter rückt, noble Straßen kaufen und teure Hotels bauen kann, muss sich der Zurückgeworfene erneut durch die Billig-Quartiere von Bad- und Elisenstraße würfeln.

Ein Neustart im Berufsleben ist auch nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Vor allem dann nicht, wenn die Rückkehr auf Los nicht freiwillig erfolgt, sondern durch äußere Zwänge: Der Betrieb macht pleite, die eigene Qualifikation ist nicht mehr gefragt, oder eine Krankheit macht die Ausübung des ursprünglich gelernten Berufes unmöglich. Doch immer häufiger sind es nicht Schicksalsschläge, die einen Neuanfang einleiten, sondern ganz eigene und individuelle Entscheidungen: Der alte Job gibt keine Erfüllung mehr, der wachsende Wunsch, noch einmal „was ganz anderes“ zu machen, oder die Erkenntnis, dass persönliche Entwicklungschancen verloren gehen, wenn der rasante Wandel der Arbeitswelt so ganz spurlos an der eigenen Erwerbsbiografie vorbeigeht.

Einmal Bürokaufmann, immer Bürokaufmann. Das war einmal. Die Zeiten, in denen ein berufliches „Zurück auf Los“ vor allem als Zeichen des Scheiterns gewertet wurde, sind vorbei – zum Glück. Immer mehr Arbeitnehmer, die „ihrer“ Branche schon Jahrzehnte treu waren, wagen den totalen Neuanfang. Natürlich ist das auch ein Risiko. Eine neue Ausbildung können sich nur Menschen leisten, die in ihrem bisherigen Berufsleben genügend zur Seite legen konnten oder die gut geerbt haben. Das eigene Landcafé, von dem man schon immer geträumt hat, macht zwar die Gäste satt, aber nicht unbedingt den Betreiber. Wer seine Zukunft in der Selbstständigkeit sucht, sollte über gute Informationen verfügen, über ausreichend Eigenkapital und einen belastbaren Geschäftsplan.

In Schleswig-Holstein sind fast 40000 Menschen arbeitslos gemeldet. Gleichzeitig klagt die Wirtschaft immer lauter über den wachsenden Mangel an Fachkräften. Das passt nicht zusammen. Natürlich gibt es ein „Matching-Problem“, weil angebotene und nachgefragte Qualifikationen nur unzureichend zusammenpassen. Aus dieser Tatsache ergeben sich für Jobsuchende und Arbeitgeber gleichermaßen hohe Anforderungen. Während ältere Arbeitsuchende viel Mut und Flexibilität zeigen müssen, um einen erfolgreichen Neustart zu schaffen, müssen in den Köpfen vieler Personalchefs noch Vorurteile kippen. Das gravierendste: Ältere Mitarbeiter sind fachlich nicht fit sowie grundsätzlich weniger belastbar als Jüngere.

Demografischer Wandel und Umbruch der Arbeitswelt durch die Digitalisierung: Diese Herausforderungen können wir nur bestehen, wenn noch mehr Menschen den Neuanfang wagen. Das kann nur gelingen, wenn Alter und (Lebens-) Erfahrung in unserem Land die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen.

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Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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