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Martin Gehlen zu Russland und Syrien

Leitartikel Martin Gehlen zu Russland und Syrien

Gegensätzlicher könnte das Engagement kaum sein. Randvoll beladene Kriegsschiffe aus Moskau durchqueren in diesen Tagen den Bosporus in Richtung Syrien, russische Kampfjets stehen bereits zu Dutzenden auf dem Rollfeld in der Hafenstadt Latakia. Währenddessen schicken die USA gerade den zweiten Trupp ihrer frisch trainierten syrischen Rebellen über die Grenze: 75 Freiwillige in Jeeps mit leichten Waffen.

Die erste Gruppe wurde vor acht Wochen bereits nach wenigen Stunden von Dschihadisten aufgerieben.

Wladimir Putin hat in Syrien die Initiative übernommen. Der russische Präsident bringt eigene Truppen und modernste Waffen in Stellung, verhandelt mit eingeschworenen Assad-Gegnern wie Saudi-Arabien und koordiniert sich mit Israel. Das Geschehen in Syrien verteilt sich mittlerweile politisch wie territorial auf zwei Schauplätze. Zum einen geht es um die Zukunft und das künftige Machtarrangement in einem Restsyrien entlang der Küste, in dem immerhin noch die Hälfte der verbliebenen syrischen Bevölkerung lebt. Zum anderen geht es um das Gebiet des „Islamischen Kalifates“ sowie das Vorrücken der radikalen Al-Nusra-Front in Nord- und Ostsyrien, deren Gotteskrieger unter allen Umständen und bis zur Eroberung von Damaskus weiterkämpfen wollen.

Putin winkt nun mit einer doppelten Offerte. Zuerst fordert er eine nationale Übergangsregierung für das Post-Assad-Syrien mit einer – zeitlich befristeten – Beteiligung von Bashar al-Assad und Repräsentanten der moderaten Opposition. Anschließend soll eine massive internationale Militärfront aus den USA, Russland und Europa, Iran, Türkei, den Golfstaaten, Irak, Ägypten und der Armee Syriens die IS-Krieger besiegen. Assad hat mehr als 250000 Tote auf dem Gewissen. Wenn nun Bundeskanzlerin Angela Merkel als erste europäische Regierungschefin fordert, ebenjener Assad müsse in Friedensgespräche einbezogen werden, zeigt das nur, wie schlecht die anderen Optionen erscheinen. Ein Triumph der Dschihadisten in ganz Syrien lässt sich derzeit nur mit Russland und dem syrischen Regime verhindern.

Putins Angebot ist eine Chance. Allein schon, wenn es gelänge, die Fassbombenangriffe des Regimes auf die eigenen Landsleute durch Verhandlungen zu stoppen, könnte das die Fluchtwelle aus Syrien schlagartig reduzieren. Zudem könnte Putin den Westen mit dem Argument ködern, die neue russische Militärpräsenz werde eine unbeschränkte Dominanz von Iran und Hisbollah in dem Mini-Syrien am Mittelmeer verhindern – eine Perspektive, der sich auch Israels Premier Benjamin Netanjahu zugänglich zeigte. Syrien liegt in Trümmern und wird nie wieder zusammenfinden. Europa und die USA haben diesem historischen Debakel von Anfang an zugesehen. Und so wird, sollte es wenigstens für den verbliebenen Rumpfstaat zu einer Friedensregelung kommen, diese eine russisch-iranische Handschrift tragen.

Von Martin Gehlen

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