9 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Patrick Tiede zum Heim-Check in Schleswig-Holstein

Kommentar Patrick Tiede zum Heim-Check in Schleswig-Holstein

Landesfürsorgeheim Glückstadt und Haasenburg-Heime: Zwei Schlagworte aus älterer und jüngerer Vergangenheit genügen, um in der Öffentlichkeit ein heftiges Schaudern auszulösen. Tod, Flucht, Isolation, Erniedrigung, sexueller Missbrauch:

Die Liste der Schicksale und Grausamkeiten in den genannten Einrichtungen ist so lang wie unfassbar. Und die Aufarbeitung beider Komplexe längst noch nicht abgeschlossen. Von den Entschädigungszahlungen ganz zu schweigen.

Doch: Wer jetzt auch nur ansatzweise die Vorgänge in den Friesenhof-Heimen mit pädagogischen Entartungen in geschlossenen Einrichtungen in Zusammenhang bringt, handelt vorschnell, verantwortungslos und fahrlässig. In den Dithmarscher Heimen geht es nach bisherigem Kenntnisstand nicht um die Aufklärung schwerer Straftaten. Es geht um die Aufarbeitung und Korrektur von Fehlentwicklungen, die im Bereich der Nötigung und Beleidigung liegen. Das ist beileibe nicht zu bagatellisieren, vor allem aber ist es nicht vorschnell zu skandalisieren, wie es mancher Beobachter aus der Ferne tut.

Fakt ist: Wer als junges Mädchen in einem Friesenhof-Heim landet, hat Abgründe hinter sich und steht mit einem Bein im Gefängnis. Prostitution, Drogenkonsum, Körperverletzung, sexueller Missbrauch. Die Bewohnerinnen sind fast immer Opfer und Täter zugleich. Sie sollen fernab von Dealern, Zuhältern, falschen Freunden und überforderten Eltern ein „neues“ Leben beginnen. 50 Betreuer kümmern sich rund um die Uhr um bis zu 50 dieser Menschen. Das System ist so aufwändig wie aufreibend. Im gelebten Berufsalltag prallen nicht nur früh gescheiterte Existenzen aufeinander. Oft kommt es auch innerhalb des Betreuerstabs zu pädagogisch-ideologischen Grabenkämpfen. Die, die helfen wollen und sollen, brauchen oft selbst Hilfe.

Und deshalb bedarf es geregelter Kontrolle. Nicht im bevormundenden, sondern im präventiven Sinne. Die aber ist kaum gegeben. Die Jugendämter, die Jugendliche in die Friesenhof-Heime schicken, befinden sich in Hamburg, Hannover, Düsseldorf oder auch mal Dresden. Auf jeden Fall sind sie viel zu weit weg, um über die Zustände vor Ort gut Bescheid zu wissen. Wegen akuter Arbeitsüberlastung verlässt man sich neben dem allgemeinen Ruf in der Branche daher auf die Träger-Angaben und die Einschätzung der Heimaufsicht. Die aber liegt in Schleswig-Holstein beim Landesjugendamt, das allein 1200 derartige Einrichtungen betreut. Ein jährlich stattfindender „Heim-Check“ findet deshalb nicht statt, genügen müssen „anlassbezogene Kontrollen“. Dazu kommt ein immer wieder zu geringer Betreuungsschlüssel.

Unter dem Strich ist das zu wenig. Denn: Ziel muss es nicht nur sein, Verdachtsmomente auszuräumen, sondern Fälle aufzuklären, von denen niemand etwas weiß oder ahnt. Und vor allem Fehlentwicklungen zu verhindern, bevor sie überhaupt stattgefunden haben. Die Dunkelziffer in den Heimen des Landes dürfte beträchtlich sein.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

Mehr zum Artikel
Friesenhof in Dithmarschen
Foto: Die Leiterin der „Friesenhof“-Jugendheime in Dithmarschen, Barbara Janssen, weist Vorwürfe, wonach in den Heimen Jugendliche schikaniert worden seien, als haltlos zurück.

Die Zukunft der umstrittenen „Friesenhof“-Jugendheime im Land ist offen. Das Landesjugendamt hat am Montag ohne Vorankündigung an zwei Standorten in Dithmarschen die Einhaltung neuer behördlicher Auflagen überprüfen lassen. Die Ergebnisse werden am Dienstag erwartet.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus KN-Kommentare 2/3